Autonomes Fahren zur WiesnKein Chauffeur aus Fleisch und Blut – sondern aus Software und Kameras

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Mit Sensoren und Kameras ausgestattet dreht „Edgar“, das autonome Fahrzeug der Technischen Universität München, seine Runden.
Mit Sensoren und Kameras ausgestattet dreht „Edgar“, das autonome Fahrzeug der Technischen Universität München, seine Runden. (Foto: Robert Haas)

Am Rande der Theresienwiese und des südlichen Hauptbahnhofes fährt ein autonomes Taxi Gäste zur Wiesn. Warum das so bedeutend ist.

Von Sophia Coper

Die jüngsten Erfolge hat Markus Lienkamp sofort auf seinem Smartphone parat. „Inzwischen überholen wir auch“, sagt der Professor für Fahrzeugtechnik der Technischen Universität München (TU) mit stolzgeschwellter Brust. Auf dem Bildschirm flitzt gerade ein Rennwagen die Kurve entlang, eilig düst das Auto die Strecke hinunter. Seit 2021 nimmt Lienkamps Lehrstuhl an der „Indy Autonomous Challenge“ teil, einer internationalen Rennserie für autonomes Fahren, bereits mehrmals hat das Team der TUM das Siegertreppchen erklommen.

Ganz so rasant soll es an diesem Mittwoch nicht zugehen. „Das dort gesammelte Know-how hat uns jedoch enorm geholfen“, sagt Lienkamp, an dessen Janker ein Glupperl mit der Aufschrift „MCube@TUM“ steckt. Vor dem Eingang des Oktoberfests steht „Edgar“ – ein autonomes Auto mit Kameras auf dem Dach und Sensorik um den Scheinwerfern. Im Rahmen des Münchner Clusters für die Zukunft der Mobilität in Metropolregionen (MCube) haben Lienkamp und sein Team das Fahrzeug entwickelt, nun soll es als „MCube Wiesn Shuttle“ zum ersten Mal Passagiere befördern. Das Angebot gilt für zwei Tage, bis einschließlich Donnerstag, den 26. September fährt „Edgar“ am Rande der Theresienwiese und des südlichen Hauptbahnhofes entlang.

Der Wiesn-Shuttle sei in einen größeren Kontext einzuordnen, sagt Lienkamp. MCube bestehe aus 14 Einzelprojekten, deren gemeinsames Ziel es sei, in München die ganze Bandbreite der urbanen Mobilität abzubilden – und dabei neue Formen auszuloten. „Es geht nicht darum, den Leuten das Auto wegzunehmen“, betont er, vielmehr sollen Alternativen aufgezeigt werden. In den USA und China gebe es bereits Unternehmen, auf deren Gelände autonome Fahrzeuge unterwegs seien, in Europa hingegen sei ihm keine Firma bekannt, die die Technologie beherrsche. „Wir haben gezeigt, dass wir das hinkriegen“, sagt der Projektleiter des Wiesn-Shuttles.

2021 ist MCube angelaufen, seit anderthalb Jahren werkeln Lienkamp und seine Mitarbeitenden an dem tatsächlichen Fahrzeug. Sie haben „Edgar“ ausgebaut und mit Sensoren versehen, Rechenleistungen bestimmt, die Software programmiert und dann „Wochen und Monate damit geübt“, so Lienkamp. Eine Besonderheit sei, dass sie die gesamte Forschung der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Jeder, der mag, kann die verwendeten Quellcodes im Internet anschauen und kopieren. Für die Zukunft sind zudem Kooperationen mit anderen Universitäten und zwei – noch geheimen – Automobilkonzernen geplant.

Ohne fixe Haltestelle und Route ist „Edgar“ vergleichbar mit einem Sammeltaxi mit Platz für sechs Personen – nur einen Fahrer braucht es nicht. Um im Notfall einzugreifen, sitzt zum jetzigen Zeitpunkt stets eine Person am Lenker. Da es sich um einen Prototyp handelt, liegen die Kosten im sechsstelligen Bereich; bei einer Serienproduktion wird es voraussichtlich deutlich weniger kosten.

In München mangle es nicht an Bussen, sondern an Menschen, die sie steuern können, sagt Oberbürgermeister Reiter

Bis dahin dauert es wohl noch eine Weile. Zwar hat „Edgar“ im universitären Rahmen schon häufig seine Runden gemacht, die erste öffentliche Testfahrt fand an diesem Mittwoch statt. Einer der ersten Passagiere ist Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), für seine Anfahrt zur Theresienwiese vertraut er indes noch auf einen Chauffeur aus Fleisch und Blut. In Bezug auf autonomes Fahren gebe es keine zwei Meinungen, sagt er zur Begrüßung: „Das ist die Zukunft.“ In München mangle es nicht an Bussen, sondern an Menschen, die sie steuern können. Einige Strecken könnten aufgrund von Personalmangel nicht befahren werden. Ein autonomer Shuttle sei daher ein willkommener Blick in eine mögliche Zukunft. „Damit auch ehemalige Nationaltorhüter ihren Führerschein behalten können“, fügt er schmunzelnd an. Anfang der Woche wurde Jens Lehmann stark alkoholisiert von der Polizei angehalten, der einstige Torwart der deutschen Nationalmannschaft hatte den Abend auf dem Oktoberfest verbracht.

Auch Markus Blume (CSU) ist frohen Mutes. Die ganze Weltöffentlichkeit habe sich an diesem Tag versammelt, schwärmt der Wissenschaftsminister, während hinter ihm der dichte Besucherstrom zum Gelände rauscht. Nichts verkörpere mehr den Slogan „Heimat und Hightech“ als autonomes Fahren zu Füßen der Bavaria, so Blume. Sich um das Oktoberfest herumzubewegen, sei selbst für Menschen kompliziert genug, umso schwieriger müsse es für eine künstliche Intelligenz sein. „Wer es hier schafft, schafft es überall in der Welt“, sagt er.

Das Projekt MCube läuft noch weitere drei Jahre, die Testfahrt des Wiesn-Shuttles ist nur ein Zwischenstand. Markus Lienkamp rechnet damit, dass autonome Fahrzeuge ab 2030 auf den Straßen unterwegs sein könnten. Bis dahin gibt es Videos im Internet.

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