Süddeutsche Zeitung

Kompass:Den Horizont erweitern

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Von Kant bis zum Italienischkurs mit Yoga-Entspannung - hier können alle fündig werden. Die Offene Akademie der Münchner Volkshochschule startet mit einem abwechslungsreichen Programm ins Frühjahr.

Von Marla Kyriss und Christina Rehm

Die Welt ist voller Krisen und Kriege. Jeder Mensch geht damit anders um. Den einen tut es gut, sich mit anderen auszutauschen, sich weiterzubilden und Hintergründe besser zu verstehen, die anderen wiederum wollen einfach mal abschalten und sich lieber von ganz anderen Themen ablenken lassen. All das passiert in diesem Frühjahr in der Offenen Akademie der Münchner Volkshochschule - so ist für jeden etwas dabei. An verschiedenen Orten kann man sich mit Politik, Kunst, Integration, Natur, ganz alltäglichen Themen und vielem mehr beschäftigen. Zwei weitere Schwerpunkte in diesem Jahr sind der 300. Geburtstag Kants und der 100. Todestag Kafkas. Zu Kant läuft beispielsweise eine eigene Veranstaltungsreihe unter dem Titel "Die Umkehr des Denkens".

Die Kraft der Umkehr

Ganz im Sinne von Kants Worten: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!", widmet sich die Münchner Volkshochschule (MVHS) zu seinem 300. Geburtstag dem kantischen Denken. Kants Grundfragen "Was kann ich wissen?", "Was soll ich tun?", "Was darf ich hoffen?", "Was ist der Mensch?" sind heute noch genauso aktuell wie vor 300 Jahren. In einem Intensivkurs zur Ästhetik (7.4.) kommt man Kants Sicht auf die Schönheit näher.

Der Kant-Biograf Manfred Geier stellt in seinem Vortrag den Menschen Kant und dessen Philosophie vor (22.4.). In einem Podiumsgespräch hinterfragen Harald Lesch und Wilhelm Vossenkuhl die bleibende Bedeutung Kants für Philosophie und Wissenschaften (7.5.). Wer selbst aktiv sein möchte, kann nach dem Motto "gemeinsam selber denken" in einem Online-Seminar über Kants zentrale Gedanken philosophieren (29.4.) oder in einem Lektüreseminar an drei Terminen Kants "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" auf den Grund gehen (9.4.).

Grüne Filmvisionen

Auch wenn die Klimadebatte momentan eher in den Hintergrund rückt, gewinnt sie trotzdem an Relevanz. Wie in den vergangenen Jahren bietet die Reihe "Green Visions" die Möglichkeit, sich mit den Bedrohungen des Klimawandels auseinanderzusetzen. Diesmal unter dem Titel: "Klima- und Umweltgerechtigkeit". Wie schon in den Programmen der vergangenen Semester werden im Einstein 28 kostenfrei Dokumentarfilme gezeigt und im Anschluss mit Expertinnen und Experten diskutiert. Wie schnell das Eis in Grönland wirklich schmilzt, hält der Regisseur Lars Henrik Ostenfeld fest, indem er drei Gletscherforscher begleitet. Der Film "Into the Ice" veranschaulicht wichtige Erkenntnisse zusammen mit besonderen Naturaufnahmen (9.4.).

"Wer wir waren" wiederum dokumentiert die Begegnung zwischen sechs Denkern und Wissenschaftlerinnen - von einem Astronauten bis hin zur Ozeanologin. Marc Bauder als Regisseur führt vor Augen, dass der Zustand unserer Erde unsere eigene Verantwortung ist und wir den Klimawandel nur miteinander aufhalten können. Für die Diskussion im Anschluss ist Protagonistin, Philosophin und Posthumanistin Janina Loh eingeladen (30.4.).

Der Freiheit so fern

Zwangsarbeit und Sklaverei sollen bis 2030 abgeschafft sein - das ist zumindest eines der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung. Wie die Realität aussieht, kann man in der zweiteiligen Ausstellung "Der Freiheit so fern. Kinder- und Zwangsarbeit im 21. Jahrhundert" und begleitend in "Fairer Handel in München" erfahren. Die Ausstellung, die vom 24. April bis 5. Juni läuft, informiert über Kinder- und Zwangsarbeit in globalen Wertschöpfungsketten, bietet Zahlen und Zusammenhänge und lässt Betroffene zu Wort kommen. Neben Einblicken werden Lösungsansätze aus unterschiedlichen Perspektiven vorgestellt. Außerdem erfährt man, was in München gegen Kinderarbeit und für fairen Handel geleistet wird. Im Rahmen der Begleitveranstaltung (18.4.) kommen Betroffene, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie ein Journalist zu Wort. Mit Fredy H. (3.6.), der seit dem siebten Lebensjahr während seiner Flucht aus Afghanistan Kinderarbeit geleistet hat, haben die Teilnehmenden die Möglichkeit, in einen offenen Austausch zu gehen. Was jede und jeder selbst dazu beitragen kann, Kinderarbeit zu reduzieren, erfährt man hier ebenfalls.

Kafka für alle

Was passiert, wenn alle, die sich beteiligen wollen, ihre Lieblingszitate von Kafka auswählen dürfen und daraus eine Ausstellung entsteht? Das Ergebnis ist in der Ausstellung "Kafka in Zitaten" in der Aspekte Galerie zu besichtigen. Nach einem Aufruf von der Münchner Volkshochschule und der Münchner Stadtbibliothek konnte ein breites Publikum vier Wochen lang an verschiedenen Orten für die eigenen Lieblingszitate stimmen. Nun eröffnet die Ausstellung am 16. Mai und kann bis zum 12. Juli besucht werden. So werden Kafkas komplexe Werke leicht zugänglich für ein breites Publikum. Obwohl sich sein Todestag in diesem Jahr zum 100. Mal jährt, beschäftigte er sich schon damals mit Themen wie Schicksalsschlägen, Selbstverwirklichung, Selbstzweifel und Beziehungen. Durch ausgewählte Zitate schafft die Ausstellung einen neuen besonderen Zugang zur Aktualität seiner Werke.

Zwischen gestern und heute

Ob Ornamente in früheren Betsälen oder verfallene Grabsteine auf versteckten Friedhöfen - man findet an vielen Orten Nachweise der jüdischen Kultur. Die Ausstellung "Spuren jüdischer Vergangenheit in Franken und Schwaben" beginnt am 13. April. Besucher und Besucherinnen erhalten Einblicke in die jüdische Geschichte und Erklärungen verschiedener Requisiten und Symbole. Dirk Riedel informiert in einem Vortrag über den Holocaust in Ungarn und die KZ-Haft ungarischer Juden in Bayern (15.5.). In der Reihe "Zwiesprache zwischen gestern und heute" tritt Reiner Stach mit Kafka in Dialog. Mehr darüber kann man in seinem Vortrag "Was habe ich mit Juden gemeinsam? Franz Kafkas Identitäten" erfahren (26.6.).

Der Berliner Autor und Lektor Thomas Sparr hat eine detailliert recherchierte Biografie von Anne Franks außerordentlichem Tagebuch geschrieben. Bei einer Lesung behandelt er nicht nur die Entstehung des internationalen Bestsellers, sondern auch die Buchgeschichte, die von Rückschlägen und Widerständen handelt (10.4.). In ihrem Vortrag über den jüdischen Sozialdemokraten Max Süßheim analysiert Kristina Milz die Entstehung des Feindbilds, das rechte sowie linke Gegner von Süßheim zeichneten (17.4.).

Unbewältigte Vergangenheiten

Wie kann es sein, dass rechtes Gedankengut immer mehr um sich greift? Dass diese Frage viele Menschen derzeit umtreibt, wird spätestens dann deutlich, wenn man sieht, wie viele Menschen für Demokratie auf die Straße gehen und ihre Stimme erheben. Das letzte Jahrhundert hat Spuren hinterlassen. Das wird heute, 35 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands, deutlicher denn je. Die Aufarbeitung des im letzten Jahrhundert erlebten Nationalsozialismus und Kommunismus wird in der Reihe "Unbewältigte Vergangenheiten" gefördert. In drei Veranstaltungen werden der Zweite Weltkrieg und die Wiedervereinigung Deutschlands 1989 unter die Lupe genommen.

Das Podiumsgespräch, unter dem Titel "Was bleibt vom Aufbruch in die Demokratie" beschäftigt sich mit den Ursachen heutiger autoritärer Tendenzen. Es diskutieren zwei Experten und eine Expertin, die bereits zu diesem Thema publiziert haben (20.3.). Das Podium, "35 Jahre nach 1989: Deutschland ungeteilt" mit der Autorin und Filmemacherin Grit Lemke ("Kinder von Hoy") geht der Frage nach, warum das Denken in "Ost" und "West" weiterhin präsent ist (24.4.). Angesichts des anhaltenden Krieges Russlands in der Ukraine ist es umso wichtiger, die Verantwortung Deutschlands für die Geschichte Ostmitteleuropas besser zu verstehen und Wissenslücken zu schließen. Dazu lädt die Osteuropahistorikerin Katja Makhotina zum finalen Vortrag im Frühjahr ein (13.5.).

Auch Andrea Heuser wagt einen Blick in die Vergangenheit, sie hat sich als Autorin mit ihren eigenen Wurzeln beschäftigt. Diese führen sie zurück in verschiedene Länder, die Frage der Schuld und das Thema des Nationalsozialsozialismus in der eigenen Familie. Ihren Generationenroman "Wenn wir heimkommen" stellt sie am 22. März bei einer Lesung mit anschließender Diskussion vor.

Bildung für den Alltag

Neben politischen Debatten und Ausstellungen bietet die Offene Akademie auch Workshops sowie Vorträge an. Im Bereich Weiterbildung und Beruf werden die Dos and Don'ts in Bewerbungsgesprächen und im Berufsalltag erklärt (27.3.), man erfährt wie ein gutes Vorstellungsgespräch verlaufen sollte (27.4./6.5.) und wie der erfolgreiche Wiedereinstieg in den Beruf nach der Familienphase gelingen kann (10.4./6.5.). Zum Stichwort Gesundheit erhält man Informationen darüber, was beim Abfassen einer Vorsorgevollmacht und einer Patientenverfügung zu beachten ist (13.4.), kann lernen, wie man mit stressigen Situationen umgeht (24.4), sich einen Vortrag zum Thema Haarausfall anhören (2.5.) oder mithilfe der "Mamma-Care-Methode" die Selbstuntersuchung der Brust für Brustkrebsfrüherkennung erlernen (14.3.). Wer etwas dazu erfahren will, wie man Excel bedient (8.4.) oder Italienisch mit Yoga- Entspannung lernt (9.4.) wird ebenfalls fündig.

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