OEZ Untersuchungsbericht: Münchner Amokschütze war rechtsextrem gesinnt

Blumen und Stofftiere erinnern an die Amoktat vom Juni 2016, bei der David S. in einem Fast-Food-Restaurant und im Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen getötet und zahlreiche andere verletzt hat.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Der 18-jährige David S. erschoss im vergangenen Sommer beim Olympia-Einkaufszentrum in München neun Menschen.
  • In ihrem Untersuchungsbericht attestieren ihm die Ermittler eine politisch rechte Gesinnung.
  • Allerdings nennen sie als Hauptmotiv Rache wegen langjährigen Mobbings durch Mitschüler.
Von Martin Bernstein

David S., der Todesschütze vom Olympia-Einkaufszentrum, hatte einen rechtsextremistischen Hintergrund. Im Bericht des bayerischen Innenministeriums zum Amoklauf am 22. Juli, der am Mittwoch dem Innenausschuss des Landtags vorgelegt worden ist, wird das mit zahlreichen Beispielen belegt. Zugleich jedoch betont Thomas Hampel, der Inspekteur der bayerischen Polizei, dass das Hauptmotiv des neunfachen Mörders "Rache" für jahrelanges Mobbing gewesen sei. Die Tat sei nach derzeitigem Stand "nicht politisch motiviert gewesen".

Dass der selbst aus einer iranischen Familie stammende David S. eine rechtsextreme Gesinnung hatte, steht für die 65 Ermittler der Sonderkommission OEZ nach rund 2000 Vernehmungen und Befragungen sowie der Auswertung von etwa 1000 Videodateien fest. Da war die Bewunderung des 18-Jährigen für den norwegischen Attentäter Anders Breivik, die so weit ging, dass David S. seine Tat für den fünften Jahrestag des Utøya-Massakers plante.

Doch "ob sich die Verehrung auch auf die politische Einstellung des Breivik oder allein auf dessen mörderische Handlungen bezog (...) konnte durch die Ermittlungen nicht abschließend geklärt werden", heißt es in der schriftlichen Version des Berichts. Dort steht aber auch, dass David S. politisch interessiert gewesen sei. Er "sympathisierte wohl mit den Inhalten des Programms der Partei AfD".

Mobbing in der Schule Mobbing in der Schule: Bis Hilfe kommt, dauert es oft Monate
Opferschutz

Mobbing in der Schule: Bis Hilfe kommt, dauert es oft Monate

Die Zahl der Schüler in München, die von den Schikanen krank werden und in ärztliche Behandlung müssen, nimmt zu.   Von Melanie Staudinger

Mehrfach habe sich David S. fremdenfeindlich und rassistisch geäußert, habe sich dabei regelrecht in Hasstiraden und Wutausbrüche hineingesteigert, schildern die Ermittler. Nach der Tat vom OEZ hatten Bekannte erzählt, David S. sei stolz darauf gewesen, am selben Tag Geburtstag zu haben wie Adolf Hitler. Die Ermittler haben dafür offenbar keine Belege gefunden, zumindest ist in dem jetzt vorgestellten Bericht davon nicht die Rede. Geschildert wird aber, wie der psychisch kranke Jugendliche ein Jahr vor der Tat während eines Aufenthalts im Klinikum Harlaching eine Mitpatientin mit dem Hitlergruß begrüßte, Hakenkreuze zeichnete und erklärte, dass er "manche Sachen gut finde, die Hitler gemacht hat".

Man könne nicht mit letzter Sicherheit sagen, was die langfristige Motivation und was der Auslöser für die Tat gewesen sei, erklärt Hampel vor den Abgeordneten. Doch Ermittler, Profiler und Verfassungsschützer seien sich einig: Trotz der Bezüge zum Rechtsextremismus dürften für David S. bei Planung und Durchführung jahrelanges extremes Mobbing durch Mitschüler und die Rache dafür "im Vordergrund gestanden haben". Das ist im Bericht zunächst vorsichtig formuliert - kurz darauf heißt es dann eindeutiger, es sei davon auszugehen, dass die Amoktat "nicht politisch motiviert war", sondern dass Rache das Hauptmotiv gewesen sei.

Davids Rachegefühle und Hass richteten sich freilich ausschließlich gegen Personen mit ausländischen Wurzeln und Migrationshintergrund - vor allem gegen "türkisch-, albanisch- und balkanstämmige Jugendliche, die er für das erlittene Mobbing verantwortlich machte". Mit einem falschen Facebook-Profil versuchte der 18-Jährige, genau solche Jugendliche am Tatnachmittag in den McDonald's an der Hanauer Straße zu locken. Niemand folgte der Einladung, auch nicht die drei Mitschüler von einst, die David gequält hatten und die er an diesem Tag offenbar ebenfalls töten wollte. Und doch hatten fast alle Opfer des Todesschützen Migrationshintergrund, stammten aus albanischen oder türkischen Familien.

Für Katharina Schulze, die Fraktionsvorsitzende der Grünen, ist das politische Kriminalität. Um die handelt es sich laut Bundeskriminalamt bereits dann, wenn eine Tat "gegen eine Person wegen ihrer politischen Einstellung, Nationalität, Volkszugehörigkeit, Rasse, Hautfarbe, Religion, Weltanschauung, Herkunft oder aufgrund ihres Erscheinungsbildes" gerichtet ist.

War David S. also wie sein Vorbild Breivik ein rechtsradikaler Attentäter mit klarem Feindbild oder war er "ein geistig verwirrter Einzeltäter", wie Peter Paul Gantzer, der Polizeiexperte der SPD-Landtagsfraktion, glaubt? "Der Sinn des Lebens" hieß ein Text, den David S. den Ermittlern wohl ganz bewusst auf seiner Computer-Festplatte hinterließ. "Die Rache an denjenigen, die mich auf dem Gewissen haben", hatte der Todesschütze eine zweite Erklärung überschrieben.

Der Titel verweist auf das Motiv - und doch soll es auch in diesem Text eindeutig rechtsextreme Bezüge geben. Auch wenn David S. nicht in organisierte rechtsextremistische Strukturen eingebunden gewesen sei, bilanziert der SPD-Landtagsabgeordnete und Extremismus-Experte Florian Ritter, sei die Bluttat vom 22. Juli 2016 ein schreckliches Beispiel dafür, "was eine kranke Ideologie mit einem seelisch kranken Menschen anstellen kann".

Amoklauf in München Timeline der Panik
Digital-Reportage

Amoklauf im Juli in München

Timeline der Panik

Ein Täter, ein Tatort - und eine Stadt in Angst: Wie aus dem Münchner Amoklauf ein Terroranschlag mit 67 Zielen wurde. Eine Rekonstruktion.