OEZ in München Gutachterin: David S. hat Warnsignale eines Amokläufers ausgesandt

Deshalb plädiert sie für etwas anderes. Hätten Ermittler stattdessen auf Amok-Warnsignale geachtet, wäre es besser verlaufen, schreibt Bannenberg. Typisch für Amoktäter seien "narzisstische und paranoide Züge". S. sei dafür geradezu ein Paradebeispiel gewesen, "extrem kränkbar, aber nicht impulsiv oder aggressiv auffällig", sondern von langer Hand planend. Typisch sei auch seine "Selbststilisierung als sich rächendes Opfer" gewesen. Es klingt wie eine Checkliste, auf der man Punkte abhakt. David S. erfüllt nahezu jeden Punkt.

Man hätte diese Anzeichen früher ernst nehmen müssen, schreibt Bannenberg. David S. war in stationärer psychiatrischer Behandlung, von Juli bis September 2015, also ein gutes Jahr vor der Tat, und schon dort sprach er von Schießereien, Mobbing, Amok, Tod. Er malte Hakenkreuze, bedrohte andere jugendliche Patienten. Er sagte, er wolle "Amokläufer Z" genannt werden. Drei Mädchen waren so beunruhigt, dass sie von ihren Eltern abgeholt werden wollten. Die Kriminologin übt scharfe Kritik: Vier Psychiater und Psychologen hätten das beunruhigende Verhalten von David S. registriert, aber gemeint, dass er trotzdem keine Gefahr für andere Menschen darstelle.

Das sei ein fataler Fehler gewesen. Wäre die Polizei präventiv alarmiert worden, hätte sie im Jugendzimmer und auf dem Computer von David S. bereits zahlreiche Hinweise auf Amokmotive entdecken können. Deshalb fordert die Kriminologin für die Zukunft, dass Jugendpsychiater besser über Warnsignale für Amoktaten informiert werden. Zu solchen Signalen hat sie selbst zuletzt im Auftrag des Bundesbildungsministeriums geforscht.

Amoklauf in München Benet lebt
Ein Amok-Opfer und seine Familie

Benet lebt

Am 22. Juli geht der Jugendliche mit fünf Freunden in den McDonald's am Olympia-Einkaufszentrum. Ein Amokläufer tötet alle, nur der 13-Jährige übersteht die Tat schwer verletzt. Vier Wochen später erzählen er und seine Eltern von den Wunden eines Abends.   Von Gerhard Fischer

Sicher ist, dass mit dem Gutachten der Streit in München nicht beendet ist. Als zuletzt die drei Rechtsextremismus-Forscher ihre Analysen vorstellten, wurden sie hinterher teils für ihre Methodik kritisiert. Vor allem Florian Hartleb vertritt eine umstrittene Theorie. Demnach soll David S. sich als "einsamen Wolf" eines weltweiten Rechtsterrorismus verstanden haben. Es gibt sehr wenig Hinweise darauf, dass er sich mit einer solchen Ideologie wirklich befasste.

Über die wissenschaftliche Qualität des Gutachtens von Bannenberg werden Fachleute vielleicht auch noch diskutieren. An einigen Stellen beschreibt sie die Gedanken des Täters, als würde sie diese kennen. "Dass er die Polizeibeamten bat, ihn zu erschießen, hat mit der Angst zu tun, Schmerzen zu erleiden und möglicherweise zu überleben." Das sei immer so. "Was gegenüber den Opfern an Empathie fehlt, ist an Selbstmitleid bei den feigen Tätern umso stärker ausgeprägt." 24 wissenschaftliche Aufsätze zitiert Bannenberg, um den analytischen Rahmen für ihre Argumentation abzusichern. Allerdings stammen 15 von ihr selbst.

Die Staatsregierung hält Bannenbergs Gutachten derzeit noch unveröffentlicht in der Hinterhand. Sie will es erst benutzen, wenn es ihr in den bevorstehenden Landtagsdebatten als angebracht erscheint. Oder wenn die Opposition es erzwingt. Vorerst, heißt es, solle nur eine gekürzte Fassung des Gutachtens erscheinen, in der Juli-Ausgabe der Fachzeitschrift Kriminalistik. Sie wird nicht von unabhängigen Wissenschaftlern herausgegeben. Sondern von den Chefs des Bundeskriminalamts und einiger Landeskriminalämter.

Amoklauf in München Timeline der Panik
Digital-Reportage

Amoklauf im Juli in München

Timeline der Panik

Ein Täter, ein Tatort - und eine Stadt in Angst: Wie aus dem Münchner Amoklauf ein Terroranschlag mit 67 Zielen wurde. Eine Rekonstruktion.