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Forschung:Wie Ötzi wirklich war

Ötzi - Neue Einblicke zum Leben und Sterben des Mannes aus dem Eis

Vortrag von Professor Dr. Albert Zink, Eurac Research, Institut für Mumienforschung in Bozen, Italien

Sah er so aus? Eine Rekonstruktion des Ötzi vom Bozener Museum - eine Institution, mit der Albert Zink zusammenarbeitet.

(Foto: Veranstalter)

"Mumien liefern einen unmittelbaren Blick in die frühere Zeit", sagt Albert Zink. Der Münchner Anthropologe weiß, was Ötzi vor seinem Tod gegessen hat.

Mochte Ötzi seine Mahlzeiten eher mager? Oder lieber fettig? Um diese und andere Forschungsfragen zu klären, hat der Anthropologe Albert Zink dem Mann aus dem Eis per Endoskop in den Magen geschaut. Normalerweise würde man zu diesem Zweck eine Magensonde durch den Mund legen. Weil aber der Rachen der Gletschermumie über die Jahrtausende ausgetrocknet ist, brauchte es nun einen Bauchschnitt und den Endoskopie-Schlauch mit der Kamera. So kam es, dass Albert Zink mit der erste Mensch war, der Ötzis Mageninhalt zu Gesicht bekam. Mit dem Ergebnis: Dem Ötzi konnte es gar nicht fett genug sein.

Zerfall und Erhalt, darum geht es im Beruf von Albert Zink. Der 53-Jährige beschäftigt sich seit einem Vierteljahrhundert mit den Dingen, die vom Menschen übrig bleiben. Zink ist Mumienforscher. Inzwischen hat er Mumien in aller Welt erforscht.

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Aufgewachsen ist er in Baldham im Landkreis Ebersberg, seit zwölf Jahren leitet er mittlerweile das Institut für Mumienforschung in Bozen. In Südtirol, wo sie ihm diesen Jahrtausendfund vor 28 Jahren vom Gletschereis der Ötztaler Alpen ins Bozener Archäologiemuseum brachten. Dort liegt der Ötzi nun - gut in Reichweite für Albert Zink, wenn neue Fragen aufkommen.

Zink ist in der Szene eine Größe, weit über Deutschland hinaus. In der Sendung von ZDF-Moderator Markus Lanz erzählte er, wie er der Crew des Films "Iceman - Die Legende von Ötzi" um den Hauptdarsteller Jürgen Vogel assistierte.

Albert Zink Mumienforscher

Mumien-Experte: Albert Zink aus München forscht in Bozen.

(Foto: Korbinian Eisenberger)

Ein Fernsehsender aus Kanada schickte Zink vor einigen Jahren für ein Liveinterview ein Filmteam nach München, wo er mit seiner Frau wohnt. Und als sich ein ägyptischer Forscher einbildete, die Eltern des mumifizierten Pharaos Tutenchamun zu identifizieren, war das ein Auftrag, den nur Albert Zink erledigen konnte. Über zwei Jahre hinweg verbrachte der Baldhamer insgesamt zwölf Wochen in ägyptischen Pyramiden - ehe die genetische Untersuchung Erfolg brachte: Tutenchamuns Vater war ein gewisser König Echnaton. Der wiederum war seiner Nofretete fremd gegangen, die Genanalyse identifizierte eine namenlose Mumie als Mutter. Diese Nachrichten gingen im Februar 2010 um die Welt.

"Mumien liefern einen unmittelbaren Blick in die frühere Zeit"

Leichen, die der Haltbarkeit wegen eingewickelt oder auf Eis gelegt werden, faszinieren die Lebenden aus irgendeinem Grund. Filmemacher bringen Mumien auf Kinoleinwände, Journalisten füllen damit Zeitungen, Schriftsteller nutzen sie als Stilmittel für unheimliche Spannung. Die Motivation dahinter ist oft eine Mischung aus Sensationslust und Voyeurismus, dringt man doch tief in die Intimität eines einst Lebenden ein. Doch es gibt ein weiteres Motiv: das der Wissenschaft.

Das treibt auch Albert Zink an. Der Forscher sitzt in einem Café in Vaterstetten und erzählt, warum er das alles macht. Warum er Biologie studierte, promovierte und anschließend jahrelang in einer Pathologie arbeitete. Warum er 15 Jahre lang Mumien untersuchte, für die sich außer ihm selbst kaum jemand interessiert. Zink richtet sich auf seinem Stuhl auf. "Mumien liefern einen unmittelbaren Blick in die frühere Zeit", sagt er. Wandmalereien, Fresken, Bilder, Schriften - alles schön und gut, sagt er. Darin sei die Geschichte aber oft beschönigt und verfälscht. "Mumien zeigen, wie das Leben wirklich war", sagt er. Etwa, dass es vor 5000 Jahren oft brachial zur Sache ging. Das sieht man am Schicksal des Ötzis.

Zink ist jetzt in seinem Element: Dazu gehört das Eis, in dem der Ötzi im Bozener Museum für die Nachwelt konserviert ist. Die Verletzung an Ötzis Hand könnte ein Hinweis darauf sein, dass er zum Todeszeitpunkt bereits auf der Flucht war. Ötzi war mit Axt und Bogen unterwegs, ehe er aus dem Hinterhalt überrascht wurde. Der Pfeil bohrte sich durch seinen Rücken ins Schulterblatt, Minuten danach soll er bisherigen Erkenntnissen nach gestorben sein. "Mord durch Heimtücke", sagt Zink, der mit Profilern der Kriminalpolizei München zusammenarbeitet, um die Tat zu rekonstruieren. Hinweise auf den Täter liefert bisher lediglich die Pfeilspitze im Rücken. Die Hoffnung des Forschers: Weitere Details klären, um so noch mehr über das Leben von vor 5300 Jahren zu erfahren.

Um den empfindlichen Ötzi-Körper bei all der Forschungsarbeiten zu schonen, haben sie eigens chirurgische Instrumente aus Titan entwickelt. Zur Untersuchung kommt er dann aus dem engen Tiefkühlkasten im Museum in eine sechs Quadratmeter große Kühlkammer. Zink ist dann in ein grünes Operationsgewand verpackt, zieht sich sterile Handschuhe und eine Gesichtsmaske über. Dann legt er los.

So war es auch bei der Untersuchung von Ötzis Mageninhalt. Zink erzählt, wie er mit einer Pinzette winzige Pröbchen aus dem aufgeschnittenen Ötzi herausfischt, ins Labor bringt und unter ein Nano- Mikroskop legt. Über die Oberflächenstruktur fand er so nicht nur Antworten zu den Essgewohnheiten eines Steinzeitmenschen. Er fand auch einen Erreger namens Helicobacter pylori, welchen viele Menschen (etwa gut ein Drittel aller Deutschen) in verschiedenen Ausprägungen bis heute in sich tragen. Anhand der Veränderungen im Erbgut der pylori-Bakterien lassen sich nun Wanderbewegungen von vor 5300 Jahren besser rekonstruieren. Auch wegen Erkenntnissen wie dieser macht Albert Zink das alles.

Die internationale Presse interessierte vergangenes Jahr aber vor allem nur die Antwort auf die Frage, was Ötzis letzte Mahlzeit gewesen war. Zinks Proben ergaben, dass der Steinzeitmensch unmittelbar vor seinem Tod eine ordentliche Portion Steinbock und Hirsch vertilgte, "mit sehr fettem Fleisch", sagt er. Womöglich vom dicken Nacken des Bocks, und sehr wahrscheinlich getrocknet. Warum? "Weil rohes Fleisch verdorben wäre."

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