Ökostrom in München:Verträge gegen Atomkraft

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Seit der Atomkatastrophe in Japan steigt die Nachfrage nach Ökostrom - doch die Angebote für Münchner sind unübersichtlich.

Michael Tibudd

Die Münchner gehen gegen die Atomkraft auf die Straße, aber sie schließen auch ganz privat Verträge gegen die Atomkraft: Seit den Reaktorunfällen in Japan melden Stromversorger auch in der Landeshauptstadt eine immense Nachfrage nach Ökostrom-Angeboten. "Die Abschlusszahlen für unsere Ökostrom-Produkte haben sich deutlich erhöht", teilen die Stadtwerke (SWM) als mit Abstand größter Energieversorger mit. Ähnliches berichten kleinere Anbieter: Greenpeace Energy als Tochter der Umweltorganisation Greenpeace stellte in den vergangenen zwei Wochen eine Verachtfachung der Nachfrage fest.

Windrad auf dem Müllberg in Fröttmaning, 2008

Die einzige Windkraftanlage Münchens steht auf dem Fröttmaninger Müllberg und wird von den Münchner Stadtwerken betrieben.

(Foto: sz.lokales)

Weder die SWM, Greenpeace Energy noch zahlreiche andere Anbieter wollen dabei konkrete Zahlen liefern, so dass die genaue Größenordnung des Zuspruchs unklar bleibt. Eine Ausnahme stellt der Ökostromanbieter Lichtblick dar: Zu den rund 9500 bestehenden Kunden kamen in den vergangenen zwei Wochen 212 dazu, das seien mehr als doppelt so viele wie in normalen Zeiten, hieß es.

Die Frage, ob man Ökostrom wählen sollte und wenn ja welchen, ist dabei keine einfache: Denn öko ist beim Strom nicht gleich öko. Allein die Stadtwerke als Platzhirsch haben drei unterschiedliche Tarife im Angebot, die sich an Kunden mit unterschiedlichen Ansprüchen richten. Der billigste und nur per Internet verfügbare "M-Ökostrom" gehört dabei zur Gruppe der umstrittenen Öko-Angebote. Die SWM garantieren zwar "100 Prozent Wasserkraft" als Energiequelle. Um diese Zusage einhalten zu können, kaufen die Stadtwerke bei Bedarf aber sogenannte Grünstromzertifikate, mit dem sich herkömmlicher Strom umetikettieren lässt. Auch viele andere Versorger, insbesondere Billiganbieter, setzen auf diese Art des Ökostroms, vor der Naturschützer warnen.

Allerdings gibt es Alternativen - bei den Stadtwerken durch "M-Ökostrom aktiv" (ebenfalls über das Internet) und "M-Ökoaktiv". In beiden Fällen kommt der Strom aus Anlagen der Stadtwerke, der Kunden bezahlt dafür einen Preisaufschlag. Die zusätzlichen Einnahmen investieren die Stadtwerke in neue Anlagen. So kompliziert die Angebotslage mit all ihren Details bei den Stadtwerken schon ist - erst recht kompliziert wird es bei einem Blick auf den Rest des Marktes.

Das Vergleichsportal verivox.de listet für München 99 verschiedene Ökostrom-Angebote auf, mit unterschiedlichen Tarifen von auswärtigen kommunalen Unternehmen wie den Stadtwerken Fürstenfeldbruck oder - etwas weiter entfernt - Heidelberg. Das Gros sind private Anbieter mit unterschiedlichstem Hintergrund - auch Tchibo verkauft Ökostrom. Diverse Gütesiegel schaffen ebenfalls nur bedingt Übersichtlichkeit, weil nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist, was sie bewerten. Die Verbraucherzentrale Bayern empfiehlt die Marken "OK-Power" und "Grüner-Strom-Label".

Bleibt freilich die Grundsatzfrage: Sollte man Ökostrom von einem Anbieter wählen, der auch Atomkraftwerke betreibt oder daran beteiligt ist? Der Bund Naturschutz in Bayern rät davon jedenfalls ab, "das gilt auch für die Stadtwerke München", sagt Energiereferent Herbert Barthel über das städtische Unternehmen, dem 25 Prozent des Atomkraftwerks Isar II gehören.

Lokalpatriotisch gesinnte Ökostrom-Interessenten können die Lage aber auch anders betrachten: Die SWM investieren schließlich immense Summen in den Bau von Wind- und Solarkraftanlagen, so dass auch Kunden ganz ohne Ökostrom-Tarif den Ausbau erneuerbarer Energien fördern.

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