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Öffentlicher Nahverkehr in München:Tram durch den Englischen Garten: Seehofer stellt sich gegen seine Parteikollegen

Die Trambahn-Tangenten ermöglichen dezentrale Verbindungen zwischen den Stadtvierteln. SZ-Karte

  • Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hat der Tram-Linie durch den Englischen Garten in München zugestimmt.
  • Die Staatsregierung hatte sich zuvor lange gegen das Bauvorhaben gesträubt.
  • Der Münchner CSU-Chef Ludwig Spaenle hat bereits angekündigt, er werde Widerstand gegen das Projekt leisten.

Sie galt als "rot-grünes Albtraumprojekt" und als "unverträglicher Fremdkörper", zumindest bei der CSU. Jetzt soll die Tram durch den Englischen Garten doch gebaut werden. Am Freitagmittag teilte Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) mit, dass sich die Staatsregierung nicht länger gegen das Projekt sträuben werde. Dies habe ihm Ministerpräsident Horst Seehofer zugesagt. Die Staatskanzlei bestätigte das.

Mit der überraschenden Kehrtwende düpiert Seehofer gleich zwei Kabinettsmitglieder: Finanzminister Markus Söder, der erst vor wenigen Tagen sein entschiedenes Nein zur Garten-Tram erneuert hatte, und Kultusminister Ludwig Spaenle, der seit zwei Jahrzehnten gegen das Projekt wettert. Spaenle, der auch Münchens CSU-Chef ist, kündigte offenen Widerstand an: "Ich werde dieses Projekt nicht mittragen."

Horst Seehofer Warum Horst Seehofer und Dieter Reiter sich zurzeit so nahe stehen
Tram durch den Englischen Garten

Warum Horst Seehofer und Dieter Reiter sich zurzeit so nahe stehen

Den Ministerpräsidenten und den SPD-Oberbürgermeister einen viele Interessen. Doch noch wichtiger ist Seehofer seine Koalition mit dem Bürger.   Von Lisa Schnell

Der Münchner CSU-Bezirksvorsitzende ist Landtagsabgeordneter für den Stimmkreis Schwabing und zudem Mitglied im Bezirksausschuss Schwabing-Freimann. In beiden Funktionen werde er weiterhin Widerstand gegen das Tramprojekt leisten. "Ich bin seit 1994 dagegen und werde es weiterhin sein, mit mir wird es das nicht geben", so Spaenle. Es sei völlig widersinnig, für 100 Millionen Euro im Norden einen Autotunnel zu bauen, um den Englischen Garten wieder zu vereinen, wenn gleichzeitig "an der dünnsten und empfindlichsten Stelle" des Parks mit der Tram ein neue Schneise geschlagen werde.

Seehofer hatte Spaenle offenbar vor seiner Zusage an Reiter in keiner Form eingebunden. Der Kultusminister sagte, er wisse nicht, wie es zu der Übereinkunft zwischen Ministerpräsident und Oberbürgermeister gekommen sei. Aber offenbar habe die Staatskanzlei "nicht genügend oder nicht die richtigen Informationen" über das Projekt und den Englischen Garten gehabt, eines der "wichtigsten Landschaftsdenkmäler des Globus", so Spaenle. Für dessen Erhalt werde die örtliche CSU auch weiter kämpfen, er selbst werde der Staatskanzlei die entsprechenden Informationen nachreichen.

Aus Söders Ministerium kam bis zum Freitagabend keine Reaktion. Widerstand gegen Seehofer gibt es aber auch aus dem Münchner Rathaus: Sowohl Bürgermeister Josef Schmid (CSU) als auch CSU-Fraktionschef Manuel Pretzl bleiben bei ihrem Nein zur Tram-Nordtangente.

Oberbürgermeister Reiter spricht von einem Durchbruch

Nach übereinstimmenden Berichten aus Staatskanzlei und Münchner Rathaus hat Seehofer sein Ja zur Garten-Tram am Rande des Diesel-Gipfels am Donnerstagabend verkündet. Er wolle der Tram nicht im Wege stehen, und Stadtplanung sei nun einmal die Aufgabe der Kommunen. Reiter, der seit Jahren vehement für die neue Strecke kämpft, spricht von einem Durchbruch für ein vernünftiges Projekt und einer "sehr guten Nachricht für die Münchnerinnen und Münchner". Die ablehnende Haltung des Finanzministeriums habe er nie nachvollziehen können.

Die Strecke gilt bei Verkehrsplanern als besonders attraktiv, da durch den Bau von nur zwei Kilometern neuem Gleis eine acht Kilometer lange Strecke zwischen Schwabing und Bogenhausen entstehen würde. Der Streit um diese Nordtangente zählt dennoch zu den Klassikern der Münchner Kommunalpolitik. 1991 verweigerte die Regierung von Oberbayern die Baugenehmigung, weil die Masten für den Fahrdraht einen allzu großen Eingriff ins Ensemble des Englischen Gartens darstellten. Die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) testete daher einen Tramzug mit Akku, der auf dem kurzen Abschnitt durch den Park ohne Oberleitung auskommt. Die Technologie ist inzwischen einsatzbereit. Der Freistaat als Eigentümer des Englischen Gartens blieb trotzdem bei seinem Nein. Die Eingriffe in den Park seien weiterhin zu groß, zudem gebe es Sicherheitsprobleme.

Die MVG freut sich über die neue Tram-Linie

Die MVG freut sich über die Neuigkeiten. Ihr Chef Ingo Wortmann spricht von einer wichtigen Ergänzung für das Tramnetz. Endlich könne man die Lücke schließen. Durch die Nordtangente würden auch die Straßenbahnen in der Innenstadt entlastet, "aus dem selben Grund bauen wir auch die Westtangente". Wortmann schätzt, dass die Tram durch den Park schon Mitte des nächsten Jahrzehnts fertig sein könnte. Erste, allerdings noch unvollständige Vorplanungen liegen bei den Stadtwerken bereits in der Schublade.

Was jetzt folgen soll, ist eine Untersuchung des Baugrunds, das ist die bisherige, zwei Kilometer lange Bus-Trasse durch den Park. "Dann müssen wir mit dem Hersteller Siemens klären, wie man es hinbekommt." Die Tram soll vom Elisabethplatz über die Franz-Joseph- und Martiusstraße, am Chinesischen Turm vorbei zur Tivolistraße fahren. Mit welchen Linien sie verknüpft wird, kann Wortmann noch nicht sagen. Ebenso offen ist, wie viele Züge die Stadtwerke bestellen müssten. Zu den Kosten kann sich Wortmann in diesem frühen Stadium nicht äußern.

Fest steht: Einfach wird das Ganze nicht. "Ich rechne schon mit Einwänden", sagt Wortmann. Damit es keine oder zumindest nur wenige Klagen gegen das Projekt gibt, will die MVG die Pläne möglichst offen kommunizieren. Trotzdem könne sich das Planfeststellungsverfahren, das zur Baugenehmigung führt, zwei Jahre oder länger hinziehen. Bei den Zügen rechnet Wortmann indes nicht mit Schwierigkeiten. Trambahnantriebe per Akku gebe es bereits andernorts, zum Beispiel bei der Gesellschaft Rhein-Neckar-Verkehr, die in Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen den Nahverkehr betreibt.

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