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Obersendling:Stapeln in einem Denkmal

Vormalige Produktionshalle der Firma Deckel in München, 2015

Seit dem Konkurs der von Friedrich Deckel im Jahre 1903 gegründeten Firma stand die Halle leer. Nun deutet sich eine Lösung an.

(Foto: Catherina Hess)

Das Unternehmen Self-Storage will die ehemalige Produktionshalle der Maschinenfabrik Friedrich Deckel umbauen. Geplant sind Lagerräume für Private sowie ein Kindergarten, Sportangebote und ein Café

Von Jürgen Wolfram, Obersendling

Wer für längere Zeit verreisen will, befristet an einen fernen Ort versetzt wird oder eine Sammlung größerer Gegenstände unterbringen muss, kennt das Problem: wohin mit all den persönlichen Sachen? Die 1999 in Österreich gegründete Firma Self-Storage - Dein Lagerraum GmbH hat aus dem verbreiteten Dilemma eine Geschäftsidee entwickelt; sie vermietet unter der Bezeichnung "My Place" Lagerflächen in nahezu allen Größen. An 51 Standorten, davon 35 in Deutschland, verfügt das Unternehmen nach eigenen Angaben über 400 000 Quadratmeter Gesamtfläche und 39 000 Lagerabteile. Nicht zuletzt in München ist Self-Storage auf Expansionskurs. Niederlassungen existieren bereits in Neuaubing, Laim, Moosach, Nord-Schwabing, Giesing, Berg am Laim sowie in Forstenried.

Jetzt sollen an exponierter Stelle Hunderte Quadratmeter Lagerfläche hinzukommen: In der denkmalgeschützten Produktionshalle der ehemaligen Präzisionsmechanik-Firma Friedrich Deckel will Self-Storage einen Mix aus seiner firmentypischen Nutzung, einer Kindertagesstätte mit Krippe und Kindergarten, Sportmöglichkeiten und Einzelhandel (Bäckerei/Café) schaffen. Lokalbaukommission, Denkmalschutzbehörden und Stadtteilpolitiker haben nichts dagegen, sehen das Vorhaben vielmehr im Einklang mit kommunalen Entwicklungszielen.

Die beantragte Nutzungsänderung markiert gleichwohl eine Wende in den jahrzehntelangen Überlegungen, was aus dem Relikt der Blütezeit des Maschinenbaus in Obersendling einmal werden könnte. Seit die Firma Deckel vor einem Vierteljahrhundert Konkurs anmelden musste, sind viele Verwendungsideen diskutiert worden. Am weitesten gingen dabei Pläne einer früheren Eigentümergesellschaft, den 60 Jahre alten Gewerbebau-Komplex abzubrechen und an seiner Stelle eine formidable Wohnanlage zu errichten. Die Stadt lehnte das Vorhaben ab, sodass die Angelegenheit vor dem Bayerischen Verwaltungsgericht landete. Die Richter wiesen die Klage der Grundeigentümerin gegen den negativen kommunalen Bescheid damals ab und bescheinigten der Halle, gestützt auf ein Fachgutachten, ihrerseits Erhaltenswürdigkeit.

Bis vor etwa zwei Jahren war ferner eine Nutzung der markanten Immobilie als Sporthalle im Gespräch. Doch diese Pläne wurden obsolet, als die privaten Neuhof Schulen das Gebäude an die Self-Storage GmbH weiterreichten. Schlagzeilen machte das Industriedenkmal an der Tölzer Straße später nur noch einmal - als es im Rahmen einer multimedialen Kunstaktion spektakulär in Licht getaucht wurde. Es waren Dozenten und Studenten vom Lehrstuhl für Neuere Baudenkmalpflege der TU München, die den Blick auf die Industriearchitektur der Sechzigerjahre richteten und damit auch auf das Werk Walter Henns, von dem die Entwürfe der Deckel-Maschinenfabrik stammten.

Mehrmals hat sich der Bezirksausschuss Thalkirchen-Obersendling-Forstenried-Fürstenried-Solln mit der Halle und vor allem ihrer Zukunft beschäftigt. Dabei betonte man stets den Willen, im nördlichen Teil der Gegend zwischen Boschetsrieder Straße, Steinerstraße, Plinganserstraße und Tölzer Straße vielfältiges Gewerbe zu erhalten und Wohnen nur partiell zuzulassen. Das Vorhaben der Self-Storage GmbH entspricht dieser Intention, weshalb der Bezirksausschuss jetzt auf eine explizite Stellungnahme verzichtete.

Für die ehemalige Fertigungsstätte und ihren Umgriff wird nun ein Bebauungsplan aufgestellt. Dessen ausdrückliches Ziel ist "die Erhaltung und Revitalisierung der Halle sowie die Entwicklung der umgebenden Flächen im Spannungsfeld der verschiedenen vorhandenen Nutzungen". Umbauten im Inneren des Gebäudes müssen mit den Denkmalschutzbehörden abgestimmt werden.

Zu besprechen gibt's da vermutlich eine Menge, ehe sich die ehemaligen Materialdepots und Werkstätten der Feinmechanik in kommerziell betriebene Lagerabteile verwandeln.

© SZ vom 11.09.2020
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