SZenario:Kettenreaktion mit Glitzerwolke

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SZenario: Verrät beim "Grand Opening" im Oberpollinger, dass sie nur ein einziges Kleiderzimmer hat: Model Franziska Knuppe.

Verrät beim "Grand Opening" im Oberpollinger, dass sie nur ein einziges Kleiderzimmer hat: Model Franziska Knuppe.

(Foto: Robert Haas)

Endlich wieder eskalieren - im Oberpollinger eröffnet eine neugestaltete Modenabteilung.

Von Philipp Crone, München

Was sich Joachim Herrmann wohl denkt, als er durch die Reihen geht? Vorbei an Männern in Unterhemden oder einer Frau mit silbernen Cowboystiefeln, die der Fußschiene eines offensichtlich angeschlagenen Herrn im Anzug ein paar Meter weiter ähnelt. "The Rhythm of the Night" knallt es aus den Boxen, während Hunderte Gäste versuchen, sich entweder an Kleiderständern vorbei ans Buffet vorzukämpfen oder zwischen den ganzen Edelklamotten irgendwo leere Schälchen so abzustellen, dass sie nicht gleich von den meerschweinchengroßen Zier-Hunden mancher Damen ausgeschlabbert werden. Bayerns Innenminister setzt sein Herrmannlächeln auf, das irgendwo zwischen "WTF!" und "Lass meine Augen nicht zufallen" rangiert, und folgt seiner Frau und den beiden Bodyguards. Wo ist er da reingeraten? In einen Abend, der entsteht, wenn ein Milliardär, ein Modehaus und ein Netzwerker zur Party laden.

Offiziell ist das, was sich am Mittwochabend im ersten und zweiten Stock des Oberpollinger abspielt, ein "Fashion-Floor-Opening" mit 2000 Gästen. Inoffiziell ist es, ja, was eigentlich? Für René Benko, den österreichischen Milliardär und Besitzer des Oberpollinger, "kann man hier sehen, wie ein führendes Luxuskaufhaus in Deutschland heute aussieht". Das sagt der 44-Jährige zwischen zwei hochwichtigen Smalltalk-Begegnungen, eine halbe Sekunde nach dieser Einordnung wendet sich Benko zu einem Sakko-Mann und entscheidet: "Ja, so machen wir das." Womit klar ist, dass hier mehr passiert, als auf den ersten Blick zu sehen ist.

SZenario: Mächtig stolz auf sein Luxuskaufhaus: Oberpollinger-Besitzer René Benko mit Landtagspräsidentin Ilse Aigner.

Mächtig stolz auf sein Luxuskaufhaus: Oberpollinger-Besitzer René Benko mit Landtagspräsidentin Ilse Aigner.

(Foto: Robert Haas)

Die Show an diesem Abend dient zwei Zwecken: dass möglichst viele Menschen hochformatige Filme in die Webwelt feuern, was den meisten allerdings erst nach einer halben Stunde gelingt, wenn sie die Champagnerflöte und das Smartphone gleichzeitig wackelfrei in einer Hand halten können. Die andere Hand trägt ja Tasche oder Tier. Der zweite Zweck steht in personifizierter Form um 21.16 Uhr neben der Rolltreppe und weist Herrmann den Weg: Stavros Kostantinidis, eigentlich Anwalt, meistens aber damit beschäftigt, die Menschen aus allen gesellschaftlichen Bereichen dieser Stadt zusammenzustellen, was an so einem Abend Akkordarbeit bedeutet. Dass hier selbstverständlich wieder geküsst und geherzt wird, kommentiert Gastronom Rudi Kull mit einem: "Als hätte es Corona nie gegeben." Aber so ist das eben, wenn man die Zutaten für einen Münchner Gesellschaftsabend zusammenrührt. Dann eskalieren die Leute, Kettenreaktion mit Glitzerwolke.

Da ist es fast beruhigend, dass zwischen all den Menschen, die ausgefallener angezogen sind als die aufgestellten Mode-Puppen, Top-Model Franziska Knuppe zugibt, nur ein einziges Kleiderzimmer zu haben. Sie sieht sich auf der wuseligen Etage um und sagt: "Als ich das Kleid bei Talbot Runhof abgeholt habe, sagten die: Franzi, wir haben kaum noch was!" Nach zwei Jahren Jogginghose würden die Leute jetzt so richtig loskaufen.

Zum Champagner wird nun auch veganer Blumenkohl kredenzt

Bruno Sälzer, der frühere Boss-Chef, steht ein paar Meter weiter und erklärt, warum diese neu gestalteten Stockwerke zum Besten in Deutschland gehören: "Die Auswahl der Marken, die Art der Ausstellung, alles eine aggressiv modische Ansprache." Marken sind noch immer wichtig, so viel wird klar an diesem Abend, an dem nicht nur Netzwerker Kostantinidis im Minutentakt neue Gruppen zusammenbaut. Stadtpolitik und Gastronomie hier, Adel und Wirtschaft da, alles umspült von der stetig wachsenden Münchner Mode-Schickeria. Man kann hier alles tragen, oder fast nichts. Auch Frisuren, die den Kampf gegen den Fön verloren haben.

Zum Champagner gibt es mittlerweile natürlich nicht mehr nur die ewige Jacobsmuschel, sondern auch streng veganen Blumenkohl. Und wer am Ende im Porsche-Fahrservice von diesem Luxus-Abend heimrollt, kann lästern oder staunen, Selfies oder Visitenkarten durchblättern, von Überfluss schwärmen oder über Protz schimpfen, auf jeden Fall wird jeder davon erzählen.

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