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Obermenzing:Zu laut, zu schnell

Nach einer Häufung von Unfällen werden die Forderungen von Anwohnern nach Tempo 30 auf der Verdistraße immer dringlicher

Wuscht! Eine Fontäne. Wenn Irmela Strohhacker die Situation nicht so gut kennen würde, könnte sie jetzt nach Hause gehen und sich etwas Trockenes anziehen. Aber die pensionierte Obermenzinger Kinderärztin ist rechtzeitig ein paar Schritte zurückgetreten an der Ampel Verdistraße/Ecke Grandl- und Wöhlerstraße. Es ist kurz nach 17 Uhr, Rushhour, und es regnet in Strömen. Der Autofahrer von gerade eben war deutlich zu flott unterwegs. Vergeblich hat er versucht, mit seinem Wagen noch die Grünphase stadteinwärts zu erwischen. Die Ampel leuchtete in sattem Dunkelrot. Dort haben es zu viele zu eilig, beklagen Anwohner wie Irmela Strohhacker.

Die Verdistraße ist zweispurig in beide Richtungen. Allerdings wird's eng für alle Beteiligten, wenn ein Bus oder Lkw auf der Innenspur im Spiel ist. Dann kommen die Fahrzeuge auf der Außenspur den Bordsteinen gefährlich nahe, wo sich bei Regen knöcheltiefe Pfützen bilden, weil sich die vierspurige Straße an den Rändern senkt. Quasi im Zeitraum einer Ampelphase kann man also eine ganze Menge Problemlagen mitbekommen, die nicht nur Strohhacker immens auf die Nerven gehen: zu schmale Fahrbahnen, zu schmale Rad- und Fußwege, ein schlechter Fahrbahnbelag, Spritzfontänen, und überhaupt ist hier alles zu gefährlich, zu laut, zumal bei Regenwetter wie an diesem Tag.

Hier kracht es oft: Zuletzt hat es am 16. Mai an der Kreuzung Verdi-/Wöhlerstraße einen Abbiegeunfall gegeben.

(Foto: Privat)

Nicht dass es je ruhig an der Verdistraße gewesen wäre, dazu ist diese Trasse, die im Westen in die Stuttgarter Autobahn übergeht, mit 30 000 bis 35 000 Fahrzeugen täglich einfach zu stark befahren. Seit Jahrzehnten gibt es immer wieder mal Eingaben und Anträge bei Bürgerversammlungen, im Bezirksausschuss, die jedoch aus Sicht der Betroffenen bislang zu kaum nennenswerten Verbesserungen geführt haben. Doch nun scheint vielen Menschen in Obermenzing dringlich, dass endlich gehandelt wird. Vor allem, weil sie sich ernstliche Sorgen um die Sicherheit ihrer Kinder machen. Den Stein so richtig ins Rollen gebracht hat ein Unfall, der sich am 15. Februar, einem Freitagmorgen, gegen 7.45 Uhr an der Kreuzung Verdi-/Wöhlerstraße ereignete. Ein 19-jähriger Autofahrer übersah dort beim Linksabbiegen ein entgegenkommendes Fahrzeug. Durch die Wucht der Kollision überschlug sich sein Auto, wurde gegen eine Steinmauer geschleudert und kam auf dem Dach zum Liegen. Der andere Pkw wurde nach rechts gegen den Randstein des Gehwegs gedrückt und kam dort zum Stehen. Die beiden Fahrer wurden nur leicht verletzt. Allerdings hätte der Unfall auch ganz verheerende Folgen haben können, denn um diese Zeit sind dort an der Kreuzung täglich mehrere Hundert Kinder unterwegs zu den Schulen an der nahen Grandlstraße. Um über die vierspurige Straße zu kommen, nutzen sie eine Unterführung.

Eltern wie Kristina Ritter schlagen Alarm. In den Tagen nach dem Unfall, so berichtet sie, seien in kürzester Zeit mehr als 500 Unterschriften gesammelt worden. Ritter hat dann im März im Bezirksausschuss (BA) die Situation geschildert und auch Schulweghelfer zitiert, die an der Kreuzung immer wieder von brisanten Situationen berichten. Im Namen der Eltern hat sie einen Antrag eingebracht mit der Forderung, die Kreuzung zu entschärfen. Die Politik reagierte, im April gab es an der Gefahrenstelle einen Ortstermin mit Vertretern des BA, der Polizei und des Kreisverwaltungsreferats (KVR). Ergebnis: Zur Verbesserung der Verkehrssicherheit hat das KVR angeordnet, dass an dieser Stelle das Linksabbiegen in die Wöhlerstraße künftig nicht mehr zulässig sein soll. Aus Sicht von Kristina Ritter ist das allerdings eine eher fragwürdige Maßnahme, die zur Folge haben könnte, "dass die genervten, unter Zeitdruck stehenden Autofahrer auf die Wohngebiete ausweichen, um dann dort den Schulweg mit den vielen Einmündungen noch unsicherer zu machen". Dabei gebe es viele "kreative Ideen" seitens der Eltern und Anwohner, die bislang von den Verantwortlichen "eher abgeschmettert" worden seien. Ein Geländer etwa, das den Zuweg zur Unterführung sicherer machen könnte, ist zu breit für Kehrmaschine und Schneeräumer, und Tempo 30 nicht möglich, da die Grandlschulen nicht direkt an der Verdistraße lägen. "Wir drehen uns im Kreise", stellt Ritter ernüchtert fest. Inzwischen hat es weitere Unfälle gegeben.

Verdistraße, V.l. Johannes Paula,  Gunhild Preuß-Bayer, Irmela Strohhacker

Anwohner wie Johannes Paula (li.) und Irmela Strohhacker (re.) fordern an der Kreuzung Tempo 30, weil dort ein Schulweg verläuft. Gunhild Preuß-Bayer (Mitte) vom Gesundheitsladen München unterstützt sie dabei.

(Foto: Privat)

Tempo 50 gilt auf der Verdistraße, was nach Beobachtung von Johannes Paula eher einem frommen Wunschdenken entspricht. Auch er teilt die Sorgen der Eltern. In der jüngsten Obermenzinger Bürgerversammlung hatte er den Antrag eingebracht, die Geschwindigkeit auf 40 Stundenkilometer zu beschränken. Er wollte nicht gleich mit einem Tempo-30-Limit ins Haus fallen. Zu seiner Überraschung, erzählt er, habe er von der Versammlung breite Unterstützung für seine Forderung bekommen, weshalb er nun auch Tempo 30 für durchsetzbar hält. Denn dieses würde zu einer Halbierung des Lärmpegels an der Verdistraße führen, und auch die Bremswege halbieren. Paula räumt ein, dass bei Tempo 30 der Verkehr auf der Trasse nicht weniger werde, doch würde er sich "verstetigen", also gleichmäßiger fließen, es gebe weniger Brems- beziehungsweise Anfahrvorgänge.

Und gerade die sind es, die die Lärmpegel nach oben treiben. Johannes Paula und Irmela Strohhacker stehen an diesem regenreichen Nachmittag zusammen mit Gunhild Preuß-Bayer an der Verdistraße. Die Mitarbeiterin vom Gesundheitsladen München e. V. hat ein Schallpegelmessgerät aus ihrem wasserdichten Rucksack geholt. Sie stellt sich damit auf den Parkstreifen und richtet das Messmikrofon auf die Straße. Der Pegelwert auf der Digitalanzeige klettert stetig nach oben, das Regenwetter an diesem Tag verstärkt diesen Effekt: 64,5, dann 70,5, ... , 71,9, schließlich 73,1 Dezibel. "Wenn beschleunigt wird, werden die Motorengeräusche stärker", sagt Preuß-Bayer. "55 Dezibel reichen aus für ernsthafte Gesundheitsschäden. Die Frage ist also, was ist einem die Gesundheit der Bürger wert." Tempo 30 auf der Verdistraße jedenfalls, das ergibt eine Nachfrage beim Kreisverwaltungsreferat, ist für die Stadt weiterhin kein Thema: Aufgrund ihrer "herausragenden Bedeutung" im Münchner Verkehrssystem und Straßennetz seien dort "keine verkehrsbeschränkenden Maßnahmen vorgesehen". Denn diese würden "unweigerlich zur Verkehrsverdrängung und zu Ausweichverkehren in das umliegende und dafür nicht geeignete Anwohnerstraßensystem führen".

Schallpegelmessgerät Verdistraße Obermenzing

Gunhild Preuß-Bayer hat erhöhte Lärmwerte gemessen.

(Foto: Privat)

Um ihre Forderung nach Geschwindigkeitsbeschränkungen zu untermauern, haben sich Irmela Strohhacker und Johannes Paula die Mühe gemacht, die Verdistraße auf ihrer gesamten Länge zu vermessen. Sie wollen damit den Beweis antreten, dass die Straße für Tempo 50 an vielen Stellen einfach zu schmal sei. Mit einem Lasermessgerät sind sie dazu an einem Sonntag losgezogen. Fahrbahn, Rad und Gehweg - überall hätten sie deutliche Abweichungen von der "RAST" (Richtlinie zur Anlage von Stadtstraßen) festgestellt.

"Die Breite der Verdistraße schwankt zwischen 10,91 und 11,15 Meter", so Paula. Eine vierspurige Straße sollte der Norm nach jedoch mindestens 12,35 Meter aufweisen. Neben den zu schmalen Fahrbahnen entsprechen laut Paula auch Fahrradwege nicht den Richtlinien von mindestens 1,50 Meter plus 50 Zentimeter Schutzstreifen und den mindestens 1,50 Metern für Fußwege. Die Verdistraße ist im Schnitt elf Meter breit, manchmal auch etwas weniger.

Konfrontiert mit den Messergebnissen der beiden, räumt das Kreisverwaltungsreferat ein, dass die Radwege in der Verdistraße "zumindest nicht an allen Orten den Empfehlungen für Radverkehrsanlagen mit zwei Metern Breite entsprechen". Zudem fehlten an den Radwegen Sicherheitstrennstreifen zur Fahrbahn. "Eine Verbreiterung der Radwege wäre daher grundsätzlich zu befürworten. Dies wäre jedoch nur durch eine komplette Neuplanung des Straßenquerschnitts und den voraussichtlich notwendigen Entfall einer Fahrspur pro Richtung möglich." Und dazu, heißt es aus dem Referat, bräuchte es einen Stadtratsauftrag. Und was diesen angeht, braucht es nun viel Optimismus bei Irmela Strohhacker, Johannes Paula und all den anderen.