Obermenzing/Langwied:"Es wird Zielkonflikte geben"

Die städtischen Planer haben jetzt erste Eckdaten für die vorgesehene Siedlung am Dreilingsweg vorgestellt: 950 Wohneinheiten, ein Gymnasium. In den betroffenen Stadtbezirken sieht man noch erheblichen Klärungsbedarf

Von Jutta Czeguhn, Obermenzing/Langwied

"Diese Struktur an der Paul-Gerhardt-Allee wird, bitte, nicht wiederholt, um Gottes Willen!" Das war der Moment am Dienstagabend, da Frieder Vogelsgesang nicht mehr an sich halten konnte und Bernd Willer höflich, aber bestimmt ins Wort fiel. Und auch der rege Chatroom des Livestreams schien für eine kurze Paniksekunde wie eingefroren. Der Mann vom Planungsreferat hatte den Teilnehmern der Online-Bürgerinfo-Veranstaltung zur Quartiersentwicklung am Dreilingsweg einen Tipp gegen ihre Angst vor einer hochverdichteten Siedlung gegeben. Sie mögen doch einfach mal durch die fast fertige Pasinger Großsiedlung spazieren und schauen, "was moderner Wohnungsbau an Qualitäten bieten kann". Ein unpassender "Werbeblock", wie Vogelsgesang (CSU), Chef des Bezirksausschusses Pasing-Obermenzing, meinte. Eine kleine atmosphärische Störung gegen Ende eines ansonsten recht sachlichen und informativen Abends, mit in der Spitze etwa 170 Zuhörerinnen und Zuhörern.

Baugebiet Dreilingsweg Obermenzing

Siedlungspläne für den nordwestlichen Stadtrand: Auf einer Fläche von 14 Hektar, die der Landeshauptstadt und der Bayerischen Hausbau gehören, sollen Wohnungen entstehen.

(Foto: Gisela Schregle)

Grundsätzlich birgt das Projekt am nordwestlichen Stadtrand Münchens reichlich Konfliktstoff: Es geht um eine circa 14 Hektar große Fläche im Stadtbezirk Pasing-Obermenzing und zu einem kleinen Teil im Nachbarbezirk Aubing-Lochhausen-Langwied. Heute gibt es dort, im Zwickel zwischen Jaspersallee, Dreilingsweg und Mooswiesenstraße, Äcker, Grünflächen, Krautgärten und einige Einzelanwesen. Ein etwas zerstückelter Flächenteppich, von dem sich 55 Prozent im Eigentum der Landeshauptstadt befindet, etwa 45 Prozent des Grunds gehören der Bayerischen Hausbau. Vor den groben Plänen - Wohnungen, ein Gymnasium, Sportflächen und Kitas, Nahversorger - waren beide Bezirksausschüsse im Januar 2020 recht kalt erwischt worden, wie Vogelsgesang und sein Aubinger Kollege Sebastian Kriesel (CSU) im Livestream betonten. Der Wissensvorsprung der Stadtteilpolitiker gegenüber der Bevölkerung ist offensichtlich bis heute nicht sonderlich riesig, weshalb sich beide Gremien erst in den Tagen und Wochen nach dieser Infoveranstaltung an eine gemeinsame Stellungnahme machen wollen. Kriesel: "Wir reden hier über Entwicklungen, die uns die nächsten Jahrzehnte beeinflussen werden."

Damit rechnen offensichtlich auch die Menschen im unmittelbaren und weiteren Umfeld des Baugebiets. Im Youtube-Chatroom ploppten viele Fragen auf, aus denen ein beträchtliches Maß an Besorgnis sprach. Erwartungsgemäß ging es um Baudichte, Bauhöhe, Verkehrszunahme, Naturzerstörung, die Schul- und Freizeitangebote. Wer nach zwei Stunden Stream seinen Rechner heruntergefahren hatte, konnte folgende Infos für sich am Abendbrottisch sortieren: Wo steht das Projekt gerade? Nach dieser Bürgerinfo und dann der Stellungnahme der Bezirksausschüsse, könnte Ende 2021 der Aufstellungsbeschluss im Stadtrat fallen. Wenn der gefasst ist, stünde für Anfang 2022 ein städtebaulicher und landschaftsplanerischer Wettbewerb an. Dann nimmt das Bebauungsplanverfahren richtig Fahrt auf. Das Wettbewerbsergebnis wird in diversen Runden (Willer: "Es wird Zielkonflikte geben. Wir müssen einen Mittelweg finden.") durch den Wolf gedreht. Dann folgen Billigungsbeschluss, öffentliche Auslegung, Satzungsbeschluss. Startschuss für bauvorbereitenden Maßnahmen sowie der Erschließung der Flächen wird 2025 sein, die Fertigstellung der ersten Wohneinheiten in 2027. So weit die Planung, wenn's rund läuft.

Was wird gebaut? Rund 950 Wohnungen für Familien, Paare und Singles sollen auf einer Geschossfläche von rund 86 000 Quadratmetern entstehen. 50 Prozent der Wohnfläche ist dabei für den sozial gebundenen Wohnungsbau vorgesehen. Laut Willer also für "preisgedämpfte" Mieten. Wie dicht wird gebaut? "Wir legen Wert darauf, dass das sehr abwechslungsreich gestaltet wird. Wir hoffen auf Kreativität der Architekturbüros." Zudem sind rund 3000 Quadratmeter Geschossfläche für Nahversorger wie etwa Supermärkte vorgesehen. Ebenso eine Krippe und eine Kita mit jeweils etwa sieben Gruppen.

Vor allem im Stadtbezirk Pasing-Obermenzing von zentralem Interesse sind die Schulausbaupläne mit einem Gymnasium samt Sportflächen im Norden des Gebiets. Denn ein temporärer Umzug des Untermenzinger Louise-Schroeder-Gymnasiums an den Dreilingsweg ist Grund eines schwelenden Zoffs mit dem Nachbarbezirk. Bernd Willer wie auch Alma Rieder vom Referat für Bildung und Sport gaben sich hier etwas sibyllinisch: Man werde am Dreilingsweg, wenn es nötig sein sollte, ein sechszügiges Gymnasium errichten können. Genaueres müsse der Wettbewerb zeigen. Die Bedarfe würden regelmäßig untersucht, man setze in jedem Fall eine große Fläche fest für eine weiterführende Schule. "Wir werden langfristig beide Standorte brauchen", sagte Alma Rieder, das Louise-Schroeder-Gymnasium in Untermenzing und dieses zusätzliche am Dreilingsweg.

Schon in seiner nächsten Sitzung am 4. Oktober wird der Bezirksausschuss Pasing-Obermenzing seine Stellungnahme zum Projekt vorstellen. Die Sitzung ist öffentlich. Wer den Info-Stream zum Dreilingsweg am Dienstag versäumt hat: Er ist noch bis einschließlich 12. Oktober auf Youtube unter https://youtu.be/0i_rf-cHeGU abrufbar.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB