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Obergiesing/Fasangarten:Aufs falsche Gleis gesetzt

Der geplante barrierefreie Umbau des S-Bahnhofs Perlach stößt bei den Lokalpolitikern auf massive Kritik. Statt eines Mittelbahnsteigs fordern sie zwei Außenbahnsteige, die notfalls auch ohne Aufzug erreichbar sind

Man könnte es als ein einziges großes "Ja, aber. . ." bezeichnen: Ja, auch die Mitglieder des Bezirksausschusses (BA) Obergiesing-Fasangarten begrüßen den barrierefreien Ausbau des S-Bahnhofes Perlach, aber sie lehnen wesentliche Teile der Umbaupläne ab. Stattdessen folgten sie bei ihrer jüngsten Sitzung der Empfehlung des Unterausschusses Verkehr und wollen nun per Eilantrag doch noch Einfluss auf das Projekt nehmen.

Wobei das fast schon untertrieben klingt angesichts der massiven Änderungswünsche, die der BA hegt. So heißt es unter Punkt eins: Der geplante Neubau eines Mittelbahnsteigs wird abgelehnt. Stattdessen sollen zwei 210 Meter lange Außenbahnsteige mit einer Bahnsteighöhe von 96 Zentimetern über Schienenoberkante errichtet werden. Im Unterausschuss Verkehr, der die Vorschläge erarbeitet hat, glaubt man, dass dadurch für in ihrer Mobilität eingeschränkte Menschen der Zugang einfacher wird; ein Rollstuhlfahrer beispielsweise müsste nur bei jeder zweiten Fahrt den Aufzug benutzen. Bei einem Mittelbahnsteig wäre das anders, dann wäre der Rolli sowohl bei der Abfahrt als auch bei der Ankunft auf den Aufzug angewiesen. Und das kostet ihn nicht nur Zeit: Fällt der Aufzug aus, kommt er gar nicht mehr bis zu den Gleisen. Außenbahnsteige hingegen, argumentieren die Mitglieder im BA, hätten den Vorteil, dass die Bahnsteigkanten zumindest oberirdisch auch bei defektem Aufzug von jeweils einer Seite erreichbar blieben. Nach Einschätzung der Lokalpolitiker sprechen auch keine eisenbahnbetrieblichen Aspekte gegen außen liegende Bahnsteige. Zudem käme eine solche Lösung billiger.

Alles andere als behindertenfreundlich: Mit Mitteln des Freistaats soll im April 2017 mit dem Umbau des Bahnhofs begonnen werden.

(Foto: Robert Haas)

Aktuell ist geplant, dass eine mit Treppen ausgestattete Personenunterführung am östlichen Ende des Bahnsteigs neu hinzukommt, die in nördlicher Richtung auf einen ebenfalls neu zu errichtenden Fußweg zur Neubiberger Straße mündet. Das zumindest erklärten Experten der Deutschen Bahn den Zuhörern bei einer öffentlichen Präsentation zur barrierefreien Umgestaltung des Perlacher S-Bahnhofes. Auch das missfällt den BA-Mitgliedern. Sie schlagen vor, diese Unterführung auch bis zur Südseite der Gleise hin zu verlängern. Ansonsten hätten Fahrgäste aus dem südöstlichen Einzugsbereich weiterhin das Nachsehen, würden sie doch auch in Zukunft den Bahnhof nur mit erheblichen Umwegen und großen Zeitverlusten erreichen - wegen der langen Wartezeiten vor der Schranke an der Neubiberger Straße. Das aber stehe dem politischen Ziel, den öffentlichen Personennahverkehr attraktiver zu gestalten, diametral entgegen.

Steiler Anstieg: Zum Gleis geht's nur über die Treppe in der Unterführung.

(Foto: Robert Haas)

Unter Punkt drei des Forderungskatalogs heißt es weiter: "Die Planung muss den zweigleisigen Ausbau der Strecke zwischen Giesing und Neuperlach Süd aufwärtskompatibel berücksichtigen." Dabei können sich die Giesinger sogar auf das Rathaus berufen. Demnach hat die Stadt bereits am 17. Februar beschlossen, den Freistaat aufzufordern, genau damit unverzüglich zu beginnen.

Viertens - und letztens - steht im Eilantrag des Bezirksausschusses Obergiesing-Fasangarten, es müsse sichergestellt sein, dass man von beiden Seiten in den Bahnhof Perlach gleichzeitig einfahren kann, und zwar mit den im S-Bahn-Betrieb üblichen Geschwindigkeiten. Das Gremium merkt dazu an, die Weichen zur Verbindung der eingleisigen Strecke mit dem zweigleisigen Bahnhofsbereich würden zu knapp vor beziehungsweise hinter dem Bahnhof Perlach liegen: "Dieser Zustand darf so nicht bleiben." Dabei habe die Deutsche Bundesbahn bereits 1973 festgestellt, dass ein ganztägiger 20-Minuten-Takt zwischen Giesing und Höhenkirchen-Siegertsbrunn nur dann "betriebsstabil" gefahren werden könne, wenn die Strecke zweigleisig ausgebaut werde.

Für die Giesinger ist es jedenfalls "völlig unverständlich", warum in den bisherigen Überlegungen der Planer das gleichzeitige Einfahren von Zügen in den Bahnhof Perlach von beiden Seiten keine Rolle spielt. Ihr Fazit fällt jedenfalls deutlich aus: "Unter Berücksichtigung des Stadtratsbeschlusses und der fachlichen Fehler wird die vorliegende Planung als völlig unzureichend zurückgewiesen."

Ob der energische Zwischenruf aus dem Bezirksausschuss tatsächlich Gehör findet, bleibt abzuwarten. Nach bisherigen Informationen beginnt voraussichtlich im April 2017 der barrierefreie Ausbau des S-Bahnhofes Perlach; abgeschlossen werden soll das Projekt, das rund sieben Millionen Euro kosten wird, nach etwa sieben Monaten.

© SZ vom 23.04.2016