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Oberföhring:Kunst der Improvisation

Mehr als 4000 Menschen in rund 1800 Wohnungen werden einmal im Prinz-Eugen-Park leben. Für das möglichst reibungslose Funktionieren dieser Gemeinschaft kommt den Quartiersmanagerinnen Mara Roth und Lisa Schäfer eine entscheidende Rolle zu

Vier Zahnräder greifen auf der Grafik ineinander, die die Website des neuen Wohngebiets Prinz-Eugen-Park präsentiert: in der Mitte das Konsortium der 21 Bauherrn, die dieses ehemalige Kasernengelände zu einem Quartier mit unterschiedlichen Wohnformen für unterschiedlich große Geldbeutel entwickeln. Ein zweites Rad steht für die mehr als 4000 Bewohner der 1800 Wohnungen, von denen inzwischen wohl gut ein Drittel eingezogen sind. Dazu kommen die Rädchen für die Stadtverwaltung und für die externen Partner, die die Infrastruktur besorgen, also etwa Carsharing-Anbieter oder Einzelhändler. Das Schmiermittel aber, das das Räderwerk am Laufen und Reibung möglichst gering halten soll, das ist die GeQo. So kürzt sich die Genossenschaft für Quartiersorganisation ab, für die Mara Roth und Lisa Schäfer das Quartiersmanagement übernehmen. Genau wie der Prinz-Eugen-Park selbst ist ihre Arbeit zu guten Teilen momentan noch eine Großbaustelle.

"Es gibt einfach keine Routine", sagt Lisa Schäfer. Das fängt schon beim Arbeitsplatz selbst an, denn die Quartierszentrale am Maria-Nindl-Platz, wo die beiden einmal die Fäden in der Hand halten sollen, ist über das Planungsstadium noch nicht allzu weit hinausgekommen. Momentan nimmt gerade der Rohbau des L-förmigen Wogeno-Riegels mit 82 Wohnungen Gestalt an. Dort im Erdgeschoss entstehen die GeQo-Geschäftsräume - mit Info- desk und wenn möglich Conciergedienst, mit Nachbarschaftscafé, Mobilitätsstation und Fahrradservice. Bezugsbereit ist das alles aber frühestens im März 2020, weswegen Mara Roth und Lisa Schäfer ihre Schreibtische jetzt im Gemeinschaftsbüro der Progeno stehen haben, einer anderen Genossenschaft, die mit ihren 48 Wohnungen im Osten des Quartiers schon fertig ist.

Prinz-Eugen-Park, Bogenhausen

Die beiden Quartiersmanagerinnen Mara Roth (li.) Lisa Schäfer sollen den Laden, salopp gesagt, zum Laufen bringen.

(Foto: Florian Peljak)

Oder die Sache mit dem Concierge-dienst: Eine zentrale Stelle, die Pakete für das ganze Viertel annimmt, das klingt erst einmal nach einer guten Idee, müssten die Paketboten ihre Kleinlaster dann doch nicht mehr bis in die hintersten Winkel des Quartiers steuern. Andererseits beharren viele Paketdienste auf Exklusivverträgen, um die Konkurrenz auszuschließen. Und gleichzeitig sind potenzielle Kunden oft nicht bereit, für diesen Service zu zahlen, sondern verlassen sich lieber auf die Nachbarn. Anbieterunabhängige Ablage-Boxen wiederum sind sehr teuer und sehr technisch, ein Smartphone ist Voraussetzung. Auf der Suche nach der besten Lösung statteten Mara Roth und Lisa Schäfer sogar Christian Treffer im Olympiadorf einen Besuch ab. Er betreibt dort das Olympiawerk, einen Service-Laden für viele Handwerker-Leistungen, inklusive Reinigungs- und Paketannahme-Service. Doch vorerst ist offen, ob es im Prinz-Eugen-Park etwas Vergleichbares geben wird.

Der Mangel an Routine ist für die beiden Quartiersmanagerinnen einerseits "wirklich mühsam" und andererseits "wahnsinnig toll", sagt Lisa Schäfer, weil sich so viel Gestaltungsspielraum bietet. Dass sie keine detaillierte Arbeitsplatzbeschreibung brauchen, sondern Probleme mit Fantasie, Improvisationstalent und guten Nerven angehen, haben Schäfer und Roth schon seit 2017 unter Beweis gestellt. Eine bezahlte Management-Stelle teilen sie sich erst seit Januar, davor arbeiteten sie rein ehrenamtlich mit - zum Teil auf dem Spielplatz beim Kinderhüten. Mara Roth studierte Tourismusmanagement und war bei einer Eventagentur, ehe vor knapp fünf Jahren ihre Zwillinge zur Welt kamen. Seit 16 Jahren arbeitet sie nebenbei als Fahrlehrerin. Mit ihrem dritten Sohn saß sie vor zwei Jahren schon in den Quartiersratssitzungen für den Prinz-Eugen-Park. "Ein paar tolle Omas" hätten ihr Engagement ermöglicht, sagt Roth. Der Umzug der Familie aus Haidhausen in die Anlage der Genossenschaft Bauverein Haidhausen steht im Juli an.

Prinz-Eugen-Park, Bogenhausen

Es entstehen rund 1800 Wohnungen, die einmal über 4000 Menschen beherbergen sollen.

(Foto: Florian Peljak)

Lisa Schäfer, ebenfalls 37, genießt bereits die kurzen Wege, die ein Arbeitsplatz am Wohnort mit sich bringt. Sie ist mit Mann und zwei Kindern vor einem Monat aus Obergiesing nach Oberföhring gekommen und in eine der 75 Wohnungen der Genossenschaft Wagnis gezogen. Die studierte Soziologin arbeitete beim Wohnforum, das heute als sozialer Dienstleister zur Wohnungsgesellschaft Gewofag gehört. Sie koordinierte Energieberatungs- und Arbeitslosenprojekte, bekam aber auch mit, wie Nachbarschaftstreffs funktionieren.

Zu den Organisationsstrukturen des Prinz-Eugen-Parks, der auf keinen Fall eine Schlafstadt werden soll, gehört nicht nur die GeQo mit ihrem Quartiersmanagement. Es gibt auch die Arbeitskreise. Der AK für Ökologie etwa bringt gerade das Baureferat dazu, mehr Bäume zu pflanzen als im kahlen Domagkpark. Der Quartiersrat wiederum soll die Interessen der Bewohner vertreten und besteht aus Arbeitskreisen, GeQo und Repräsentanten jedes einzelnen Bauprojekts. Die Koordination liegt beim Quartiersmanagement. "Wir unterstützen die Leute, selbst was auf die Beine zu stellen", beschreibt Mara Roth.

Konkret heißt das: Feste, Flohmärkte, Stammtische organisieren, etwa den Tag des offenen Quartiers am Sonntag, 22. September, Informationen verteilen, das Gespräch mit den Nachbarn von außerhalb suchen, die Website pflegen, die Buchungsplattform im Internet verwalten, über die alle Dienstleistungen - demnächst auch Leihautos und Lastenräder - organisiert sind, die sozialen Netzwerke füttern, den Newsletter schreiben, ein Konzept für das Nachbarschaftscafé entwickeln und einen Betreiber finden, "der da sein Herz reinsteckt" (Mara Roth), Verträge für Verwaltung und Vermietung all der Gemeinschaftsräume und Gästezimmer abschließen, die jedes Bauprojekt beherbergt.

Und damit ist es natürlich nicht getan. Lisa Schäfer und Mara Roth sind auch die erste Anlaufstelle für die Beschwerde über den Lkw, der versehentlich den Bauzaun abräumt, für die Anregung, an der Straßenbahnhaltestelle doch Fahrradständer aufzustellen, für die Notfall-Schlüsselübergabe an die Krabbelgruppe, die in den Gemeinschaftsraum der Terra will. "Es ist definitiv kleinteilig", sagt Mara Roth.

Anfang Juni bekam das Quartiersmanagement eine halbe Assistenten-Stelle dazu - ebenfalls finanziert von den Bauherrn. Mit dieser Entlastung, so hoffen Roth und Schäfer, können sie sich aufs Kerngeschäft besinnen - weg vom Technischen, hin zu den Menschen. "Gucken, wie man das Potenzial hier zum Leben erweckt", nennt Mara Roth das. Lisa Schäfer fügt hinzu: "Was wir tun, ist ja für alle."