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Isarvorstadt:Die Räumung von Obdachlosencamps ist richtig

Illegales Obdachlosencamp unter der Reichenbachbrücke in München: Soll die Stadt räumen oder nicht?

Obdachlosencamp wie hier unter der Reichenbachbrücke sind eigentlich verboten. In letzter Zeit greift die Stadt stärker durch.

(Foto: Robert Haas)

Am Dienstagmorgen hat die Stadt das Lager unter der Kapuzinerstraße räumen lassen. Ist das herzlos? Nein. Denn Experten wissen: Wer dort lebt, tut das eben meist nicht freiwillig.

Ist das die Weltstadt mit Herz? Kann es sein, dass städtische Behörden Menschen, die ihre Zuflucht unter Brücken suchen, der letzten Habseligkeiten beraubt? Ihnen das wegnimmt, womit sie versucht haben, sich im harten Leben auf der Straße einzurichten? Ist die Räumung von Obdachlosen-Camps schäbig oder zum Schutz der Menschen angesichts der Kälte notwendig?

Die hartherzig erscheinende, angekündigte Aktion vom Dienstag unter der Unterführung an der Kapuzinerstraße kann sich auf die sicherheitsrechtlichen Befugnisse stützen, die das Landesstraf- und Verordnungsgesetz einräumt. Rein juristisch betrachtet, kann das Nächtigen von Obdachlosen im Freien die öffentliche Sicherheit stören. Die Stadt muss Obdachlose aber auch dann unterbringen, wenn Leben und Gesundheit der Menschen in Gefahr sind.

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Dass sich die meisten Menschen aus freien Stücken als vermeintlich glückliche Clochards für ein Leben auf der Straße entscheiden, dagegen sprechen die Erfahrungen derer, die den Menschen versuchen, Hilfe nahezubringen. Aber auch Expertisen, wie jüngst die dem Stadtrat vorgelegte Seewolf-Studie, belegen, dass mehr als 90 Prozent der Obdachlosen in den Heimen der Wohnungslosenhilfe psychische Erkrankungen haben, die zumeist schon vor dem Absturz in die Wohnungslosigkeit bestanden haben.

Barmherzigkeit ändert langfristig nichts

Dazu kommen häufig Suchtprobleme. Vielen Menschen fällt der Weg in die unterschiedlichen Hilfsangebote deshalb sehr schwer. Aus dieser Erkenntnis heraus hat die Stadt zusammen mit dem Katholischen Männerfürsorgeverein bereits 1995 das Haus an der Chiemgaustraße geschaffen. Dort gab es kein Alkoholverbot, es konnten auch Paare einziehen: Damit ließen sich die Obdachlosen von der Wittelsbacherbrücke überzeugen - die meisten blieben, einige zogen schließlich sogar in eine eigene Wohnung.

Dorthin führt aber der Weg meist nur über die Unterstützungsangebote der Obdachlosenhilfe. Denn vielen Obdachlosen fehlt nicht nur eine Wohnung, sondern sie müssen erst eine Menge sozialer Schwierigkeiten überwinden, um in ein geregeltes Leben zurückfinden zu können.

Es wäre verfehlt, sie dieser Chance zu berauben, indem man ihnen nur einen Schlafsack schenkt, ein paar Brote in die Hand drückt und eine Tasse warmen Tee. Barmherzigkeit kann kurzfristig eine Lösung sein, um das Überleben zu sichern. Aber an den menschenunwürdigen Umständen, unter denen Obdachlose leben, ändert sich damit langfristig nichts. Dies als Dauerzustand hinzunehmen, wäre unabhängig von der rechtlichen Beurteilung mehr als herzlos.

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