Obdachlosigkeit in München Leben unter der Brücke

So sah es im Sommer unter der Reichenbachbrücke aus, wo Obdachlose ihre Schlafplätze haben. Inzwischen sind die Lager an der Isar abgebrannt oder geräumt worden.

(Foto: Robert Haas)

Zwei obdachlose Frauen haben sich an der Isar eine Art Wohnraum geschaffen. Doch dann kam ein Feuer - und die Stadt.

Reportage von Julia Huber und Stefanie Witterauf

Nur der Teppich aus Ruß erinnert noch daran, was unter der Reichenbachbrücke passiert ist. Das Feuer hat alles weggefressen, was Penka und Dara gebaut haben. Ihre Wände - eine Konstruktion aus Sperrholz und Laken. Die improvisierte Küchenzeile. Das Bargeld. Alles verbrannt. Nun sind sie wieder unterwegs, einmal mehr.

Penka und Dara sind ein Paar, in Wirklichkeit haben die beiden Frauen andere Namen, sie wollen aber anonym bleiben. Penka, die Pflichtbewusste, trägt einen glatten Zopf und ein T-Shirt mit Strass-Steinen. Dara nimmt es leichter. Ihr Haar hat sie seitlich abrasiert. An den Armen Tattoos, die aussehen, als hätte man sie zu heiß gewaschen. Sie lacht oft. Eine Lache wie Schleifpapier, das Sorgen abschmirgelt: wenn es kalt ist; wenn sie wieder einmal aufbrechen müssen. Penka und Dara sind zwei Frauen, für die es keinen Platz zu geben scheint in dieser Stadt mit den höchsten Mieten Deutschlands. Zumindest nicht auf Dauer. Sie sind zwei von rund 1000 Obdachlosen, die laut Schätzung des Evangelischen Hilfswerks auf der Straße leben.

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Es ist kein gutes Jahr für die beiden 40-jährigen Bulgarinnen. Eine Zeit lang schliefen sie in einer Ecke am Sendlinger-Tor-Platz. Dann griff ein Mann sie mit einer zerbrochenen Bierflasche an. Noch heute hat Dara tiefe Narben in der Handfläche. Das Paar zog in ein Pensionszimmer in Freimann. Die Miete von 1366 Euro konnten sie sich drei Monate lang leisten. Dann zogen sie unter die Reichenbachbrücke, in ein Camp mit acht anderen Obdachlosen.

Ein Nachmittag im November. Die Stimmung ist gut unter der Brücke. Penka kocht Kaffee auf einer elektrischen Campingplatte. In der Ecke wärmt der Gasstrahler. Dara macht Licht. Genauer, sie steckt Batterien in ein halbes Dutzend Lichterketten. Es dauert, bis die LED-Lichter schummrig leuchten. Als sie fertig ist, lacht Dara, Gewinnerlachen.

In einer Stadt, die für sie unbezahlbar ist, haben die beiden sich ihren Wohnraum selbst geschaffen. Ein Raumspray verbreitet künstlich-süßen Rosenduft. An der Decke ist mit Klebeband ein Selfie-Stick befestigt: Steckt ein Handy darin, wird die Konstruktion zum Heimkino. Fast alles haben Penka und Dara in ihrem Lieblingsgeschäft gekauft, dem Ein-Euro-Shop am Hauptbahnhof. Selbst Hammer und Nägel hat Dara dort gefunden. Sie hat eine Leiste gebaut, an der in verknoteten Plastiktüten Brot und Schokolade baumeln. Die Tüten schützen die Lebensmittel vor Mäusen. Penka schüttelt sich. Sie hat Angst vor Mäusen. Manchmal liegt sie deshalb die ganze Nacht wach.

Der Alltag besteht aus Zeitabsitzen

In München muss niemand auf der Straße schlafen - dieser Satz fällt oft. Für Obdachlose gibt es diverse Heime. Als Bulgarinnen haben Penka und Dara aber keinen Anspruch auf einen festen Platz dort. Die Stadt verweist auf das Kälteschutzprogramm in der ehemaligen Bayernkaserne. Eine Unterkunft, die nur zum Schlafen gedacht ist. Morgens, ab Viertel vor neun, müssen alle raus. Die schmalen Schließfächer müssen leer sein. Was noch da ist, wird entsorgt. Um 17 Uhr dürfen die Obdachlosen wiederkommen. Ein Alltag, der aus Zeit absitzen besteht.

Penka hat eine Rangliste in ihrem Kopf gemacht. Ganz oben, der Traum von einer Wohnung. Doch die Stelle als Altenpflegerin hat sie kürzlich verloren. Ihre Gelegenheitsjobs reichen nicht für die Miete. An zweiter Stelle, das Heim unter der Brücke. "Uns geht es gut hier, uns ist nicht kalt", sagt sie. Den Gedanken an die dritte Option, die Bayernkaserne, schiebt sie an diesem Novembertag lieber weg.

Dabei hat das selbstgebaute Lager von Penka und Dara zu diesem Zeitpunkt längst einen ersten Riss bekommen. Ein paar Tage zuvor sind zwei Männer unter die Brücke gekommen und haben ein laminiertes Papier an einen der Holzbalken getackert. Es ist ein Aushang voller Ausrufezeichen. "Camping verboten! Bitte entfernen Sie Ihre Sachen!" Und die Ankündigung: "Das Camp wird am 29. 11. 2018 entfernt!" Für die Landeshauptstadt München ist das Risiko zu hoch, dass einer der Obdachlosen erfrieren könnte. Oder dass ein Feuer ausbricht.