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Obdachlosigkeit:Gefährliche Kälte in München

Obdachlos in München

Mit einem Zelt am Straßenrand sucht ein Obdachloser zumindest ein klein wenig Schutz vor der klirrenden Kälte.

(Foto: dpa)

In München leben etwa 1000 Menschen auf der Straße. Nun sinken die Temperaturen auf bis zu 15 Grad unter Null - es geht manchmal um Leben und Tod.

Von Thomas Anlauf

Es ist eiskalt, lebensgefährlich kalt. In der Nacht zum Freitag sanken die Temperaturen in München auf 15 Grad unter null. Und es bleibt so frostig. Für Menschen, die auf der Straße wohnen müssen, geht es in diesen Nächten manchmal um Leben und Tod.

Und es sind viele, die kein Dach über dem Kopf haben. Etwa eintausend Menschen leben in München auf der Straße, die Streetworker versuchen gerade Tag und Nacht, die Obdachlosen dazu zu bewegen, nicht unter einer Brücke, in einem Hauseingang oder auf einer Bank zu übernachten. Seit einem Jahr fährt in den Wintermonaten der Wärmebus durch die Stadt, Sozialarbeiter versuchen, die Armen, die von der Gesellschaft Abgehängten zu erreichen. "Es ist uns in den letzten Tagen gelungen, einige Menschen zu überzeugen, in eine Unterkunft zu gehen", sagt Franz Herzog, Leiter der Teestube "komm".

Die meisten Obdachlosen wissen, wenn die Kälte besonders klirrend ist, dass sie dringend ins Warme müssen. Schon bei wenigen Minusgraden droht der Kältetod, bei 15 Grad unter null können Finger und Zehen schon nach Minuten erfrieren. Umso wichtiger ist die Hilfe des Wärmebusses, der erstmals am 14. Januar 2020 seine Runden durch die Stadt drehte. Denn es gibt in München auch viele Obdachlose, die nicht mit anderen in Unterkünften übernachten wollen. Oftmals sind es psychische Probleme, dass Obdachlose andere Menschen meiden. Es gibt aber auch durchaus viele, die die vermeintliche Freiheit auf Platte dem vorübergehenden Schutz in einer warmen Unterkunft vorziehen.

Für Herzog und seine drei Streetworker-Teams ist es deshalb schon ein Erfolg, wenn sie in diesen Frostnächten draußen Menschen antreffen und mit ihnen Kontakt aufnehmen können. Zwar sind sie tagsüber unterwegs, aber nicht jeder ist dann auch an den bekannten Orten. "Wir reagieren auch auf Bürgermeldungen", sagt Herzog. Dann beziehen die Streetworker die Orte, wo Obdachlose in der Kälte gestrandet sind, in ihre Touren ein und versuchen, mit den Menschen zu sprechen. Seit einem Jahr fährt viermal die Woche von 18 Uhr an der Wärmebus durch die Stadt. Wer mitkommen will, bekommt ein warmes Bett.

Das ist nicht selbstverständlich in Deutschland. Die Idee des Übernachtungsschutzes in der ehemaligen Bayernkaserne, wo bis zu 800 Menschen kostenlos schlafen können, haben mittlerweile einige weitere Städte übernommen. Daneben gibt es in München aber auch weitere Schlafmöglichkeiten für Menschen ohne Wohnung, etwa das Männerwohnheim an der Pilgersheimer Straße - die sogenannte Pille - oder das Frauenobdach Karla 51 in der Karlstraße.

Als Folge der Pandemie könnte es bald noch mehr Menschen geben, die sich wohnungslos melden müssen

Das Wohnungslosenprojekt Karla 51 erhält nun nach einem gemeinsamen Antrag von Grünen/Rosa Liste und SPD/Volt eine zusätzliche Unterstützung von 70 000 Euro, "um die Arbeitsfähigkeit des Frauenobdachs zu sichern", wie es in dem Antrag heißt. Dort gibt es insgesamt 55 Einzelzimmer, in denen in Not geratene Frauen auch mit ihren Kindern sofort aufgenommen werden können, beraten werden und möglicherweise wieder in gesicherte Wohnverhältnisse kommen.

Auch die ÖDP/Freie Wähler-Fraktion im Stadtrat sieht Bedarf, die Angebote für Wohnungslose in München weiter zu verbessern. So fordern die Stadträte, dass Obdachlose künftig nicht mehr in Gemeinschafts- oder Notunterkünften untergebracht werden, sondern nach dem amerikanischen Konzept "Housing first" Wohnungen zur Verfügung gestellt werden. Diese Wohnungen sollen "nicht an Bedingungen geknüpft" sein und parallel dazu ein Hilfsangebot für die Betroffenen gemacht werden. Zusätzlich fordern ÖDP/FW einen überregionalen runden Tisch zur Bekämpfung von Obdachlosigkeit.

Denn die Lage auf dem Wohnungsmarkt wird zunehmend bedrohlich. Bürgermeisterin Verena Dietl (SPD) sagte am Donnerstag im Sozialausschuss, dass es in München als Folge der Pandemie in den kommenden Monaten "eine Welle" von Menschen geben wird, die sich wohnungslos melden müssen oder von Wohnungslosigkeit bedroht sein werden. "Das Sofortunterbringungssystem stößt jetzt schon an seine Grenzen", so Dietl. Derzeit gibt es in München 5300 Bettplätze für Notfälle, doch etwa 9000 Menschen sind akut wohnungslos.

© SZ vom 12.02.2021/sonn, kafe
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