Süddeutsche Zeitung

Obdachlose in der Kälte:"Wer jetzt draußen schläft, ist in Lebensgefahr"

Deutschland friert bei bis zu minus 19 Grad. Besonders gefährlich ist dieses Wetter für Obdachlose. Franz Herzog vom Evangelischen Hilfswerk München über Hilfsangebote, die Tücke des Alkohols - und die Frage, wie Bürger reagieren sollen, wenn sie einen Menschen auf der Straße schlafen sehen.

Tobias Dorfer

Deutschland friert. Auf bis zu minus 19 Grad sollen die Temperaturen in den kommenden Tagen sinken. Und der scharfe Ostwind sorgt dafür, dass sich die eisige Luft noch kälter anfühlt. Besonders gefährlich ist dieses Wetter für Obdachlose. 22.000 Menschen leben in Deutschland dauerhaft auf der Straße, schätzt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Im reichen München mit seinen teilweise horrenden Mieten soll es bis zu 400 Dauer-Obdachlose geben. Hier kümmert sich unter anderem die vom Evangelischen Hilfswerk getragene Teestube "komm" (Zenettistraße 32) um die Betroffenen. Das Team um Leiter Franz Herzog berät Obdachlose und versucht, sie in Unterkünfte zu vermitteln.

Süddeutsche.de: Herr Herzog, in den nächsten Nächten soll es bitterkalt werden. Können Obdachlose bei minus 15 Grad draußen überhaupt überleben?

Franz Herzog: Wenn sie einen warmen Schlafsack haben, schon. Das Problem ist, dass nicht alle so gut ausgestattet sind. Manchmal werden die Schlafsäcke auch gestohlen.

Süddeutsche.de: Wie schützen sich Obdachlose vor den Minustemperaturen?

Herzog: Ich möchte keine Tipps geben, wie das funktioniert. Der beste Schutz sind vier Wände und ein gesichertes Bett. Gerade in München gibt es ein sehr gutes Hilfssystem. Im Hauptbahnhof können Betroffene zum Beispiel bei der Bahnhofsmission Unterstützung erhalten. Wenn es nötig ist, holen wir von der Teestube "komm" die Leute auch mit dem Auto ab, und bringen sie in die entsprechenden Einrichtungen.

Süddeutsche.de: Alleine in München leben einer Studie zufolge 300 bis 400 Menschen auf der Straße. Wie helfen Sie konkret?

Herzog: Wir haben vier Teams von Streetworkern, die ständig unterwegs sind. Die Kollegen kennen die Plätze, wo sich die Obdachlosen tagsüber treffen und teilweise kennen sie auch die Schlafplätze. Sie versuchen - und zwar nicht nur im Winter sondern das ganze Jahr über - die Leute zu überreden, in eine Unterkunft zu gehen.

Süddeutsche.de: Nicht jeder möchte diese Hilfe annehmen ...

Herzog: Das stimmt. Es gibt auch Obdachlose, die sich ein Monatsticket der MVG kaufen und die Nacht mit der Tram herumfahren, um sich vor der Kälte zu schützen. Manche schlafen am Mittleren Ring über den Lüftungsgittern der Tunnel. Trotzdem ist es gefährlich, bei diesen Temperaturen draußen zu übernachten. Vor einigen Jahren hatten wir im Winter an der Wittelsbacher Brücke eine Gruppe Obdachloser. Die hatten sich Schlafkojen gebaut und ein Lagerfeuer angemacht. Ein Mann ist eingeschlafen. Er war betrunken und hat die Kälte nicht gespürt. Nachts hat er die Decke weggestrampelt und als wir ihn am nächsten Morgen fanden, war er fast erfroren. Beide Beine mussten ihm oberhalb des Knies amputiert werden.

Süddeutsche.de: Warum merken Obdachlose nicht selbst, dass es zu kalt ist?

Herzog: Da gibt es verschiedene Gründe. Häufig liegt es am Alkohol. Er simuliert ein Wärmegefühl, aber in Wirklichkeit kühlt der Körper viel schneller aus. Die Leute spüren das nicht. Manche Obdachlose schaffen es, im Winter nichts oder ganz wenig zu trinken. Bei manchen ist die Sucht jedoch zu groß. Unter gewissen Umständen können wir diese Menschen auch gegen ihren Willen in eine Unterkunft einweisen.

Süddeutsche.de: In welchen Situationen geht das?

Herzog: Wenn jemand nicht mehr ansprechbar ist oder nicht gewährleistet ist, dass der Obdachlose nachts in seinen Schlafsack kriecht. In solchen Fällen alarmieren wir Polizei und Notarzt. Der Arzt untersucht die Person und veranlasst unter Umständen die Einweisung.

Süddeutsche.de: Müssen Sie es nicht akzeptieren, wenn die Betroffenen die Hilfe ablehnen?

Herzog: Häufig müssen wir das. Wenn einer bei Sinnen und orientiert ist und sagt, er weiß, dass es in der Nacht minus 17 Grad geben wird, dass er keinen vernünftigen Schlafsack hat, dass es zugig ist und nass, er sich dieser Gefahr aber bewusst aussetzt, dann sind uns die Hände gebunden.

Süddeutsche.de: Stehen ausreichend Notunterkünfte zur Verfügung? In Berlin sind die Betten schon vor dem Höhepunkt der Kältewelle knapp. Menschen schlafen dort auf Stühlen und auf den Fußböden.

Herzog: Wenn alle, die jetzt noch draußen sind, in eine Notunterbringung wollen, kann das auch in München passieren. Vielleicht müssten die Leute die erste Nacht in einem Aufenthaltsraum verbringen oder auf einem Stuhl schlafen. Dennoch wären sie vor der Kälte geschützt. Im Moment geht es ums nackte Überleben und nicht darum, wie luxuriös die Zimmer sind.

Süddeutsche.de: Wie lange dürfen die Obdachlosen in den Unterkünften bleiben?

Herzog: Bei dieser Kälte wird niemand auf die Straße gesetzt. Wir vermitteln viele Männer in das städtische Unterkunftsheim in der Pilgersheimer Straße und Frauen ins Frauenobdach Karla 51. Nach der ersten Nacht gibt es ein Beratungsgespräch. Diese Einrichtungen sind ja nicht für die Ewigkeit gedacht. Deshalb schauen wir gemeinsam, welche Wohnform für die Betroffenen die beste ist.

Süddeutsche.de: In letzter Zeit sieht man in Deutschland immer mehr Obdachlose aus den neuen EU-Ländern Bulgarien und Rumänien, die hierzulande keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben. Was kann für diese Menschen getan werden?

Herzog: Das ist ein großes Problem. Wenn Menschen aus den osteuropäischen Ländern hier stranden, ist eine dauerhafte Unterbringung nicht gewährleistet. In München gibt es die "Null-Grad-Regelung". Das bedeutet, dass die Stadt bei Minustemperaturen eine Unterkunft finanziert. Doch das Prozedere ist kompliziert. Die Betroffenen müssen erst zur Bahnhofsmission. Dort bekommen sie einen Schein, mit dem sie eine Nacht bei der Heilsarmee unterkommen. Viele sprechen kein Englisch und Deutsch schon gar nicht. Das erschwert die Kommunikation und unsere Bemühungen, diese Menschen von der Rückkehr in ihre Heimat zu überzeugen.

Süddeutsche.de: Wie sollten Menschen reagieren, die in einer kalten Winternacht einen Obdachlosen draußen schlafen sehen?

Herzog: Es wäre wünschenswert, dass sie den Mut fänden, denjenigen aufzuwecken und zu schauen, wie es ihm geht und ob er ansprechbar ist.

Süddeutsche.de: Nicht jeder traut sich das zu.

Herzog: Wer unsicher ist, kann ja einen zweiten Passanten dazu bitten. Im Zweifelsfall sollte die Polizei alarmiert werden. Lieber ruft man einmal zu oft dort an. Wir Streetworker können beim besten Willen nicht täglich jeden Hauseingang aufsuchen. Wer jetzt noch draußen schläft, ist in Lebensgefahr.

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