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Nymphenburg:Körper und Seele zum Schwingen bringen

Die Bode Schule, einst gegründet als Institut für Musik und Rhythmus, bildet seit mehr als 100 Jahren Gymnastik-Lehrkräfte aus. Ein Beruf, in dem man andere und auch sich selbst fit hält

Von Ilona Gerdom, Nymphenburg

Einige Meter weiter unten laufen junge Menschen mit Hockeyschlägern in der Hand kreuz und quer durch eine Turnhalle. Wer vom Erdgeschoss aus durch ein Fenster hineinschaut, der könnte denken, dass hier eine normale Sportstunde stattfindet. Tatsächlich aber bildet die "Bode Schule" in Nymphenburg staatlich geprüfte Gymnastiklehrer und Gymnastiklehrerinnen aus. Hockeyschläger haben zunächst wenig mit Rhythmus und Tanz zu tun, doch im Wahlpflichtfach Sport und Freizeit geht es darum, den Schülern pädagogisches Wissen zu vermitteln.

Schon mehr als 100 Jahre besteht die Bode Schule. Am 1. Oktober 1911 gründete Rudolf Bode sie als "Institut für Musik und Rhythmus". Damals sei Tanz eher statisch gewesen, erklärt Ulrich Bode, Enkel des Schulgründers. Seinem Großvater jedoch sei es darum gegangen, "das seelische Erleben zum Ausdruck zu bringen".

Das steht noch heute während der dreijährigen Ausbildung im Mittelpunkt. "Wir wollen wirklich mit dem Rhythmus arbeiten", erklärt Schulleiterin Barbara Atia. Die Ausbildung selbst besteht aus drei Blöcken. Der erste ist die Theorie. Die Schüler und Schülerinnen lernen zum Beispiel anatomische, physiologische und sportmedizinische Grundlagen. Der zweite, entscheidende Teil ist die Praxis. Sie besteht aus Gymnastik, Tanz und rhythmisch-musikalischer Ausbildung. "Als Gymnastiklehrer ist man Modell für seine Schüler", sagt Schulleiterin Barbara Atia. "Der Gymnastiklehrer ist Lehrer. Er unterrichtet, er ist Pädagoge." Auch diese pädagogischen Fähigkeiten zu vermitteln, ist Teil des Lehrplans.

Das Prinzip gilt seit jeher: Sport tut gut.

(Foto: Robert Haas)

Im Klassenzimmer für den Theorieunterricht stehen nicht nur Stühle, sondern auch ein Klavier. Früher, als man nicht einfach eine CD einlegen oder Musik streamen konnte, war es üblich, dass der Gymnastiklehrer selbst spielte. Eine, die sich daran noch gut erinnert, ist Marianne Bode. 1960 hat sie selbst ihr Examen an der Bode Schule gemacht und dort auch Ulrich Bodes Vater, ihren Ex-Ehemann, kennengelernt. Vor ihrer Ausbildung an der Bode Schule war sie an der Sportakademie. Sie hatte dort einen Bode-Gymnastikkurs besucht, der sie derart begeisterte, dass sie an die Bode Schule wechselte. Sie erinnert sich, dass ihr Vater damals zu ihr sagte: "Du wirst immer Geld haben, weil du einen Beruf machst, der mit der Gesundheit zu tun hat."

Das Thema Gesundheit liegt der Bode Schule am Herzen. Gerade weil Sport und Bewegung heute oft zu kurz kommen. "Eigentlich ist schon bekannt, dass man mehr tun müsste", sagt Marianne Bode. Sie selbst kann auch der Ruhestand nicht vom Sport abhalten. Jeden Morgen macht die 79-Jährige ihr eigenes Gymnastikprogramm.

Nicht nur Marianne Bode hat ihre Ausbildung an der Schule gemacht, auch die Schulleiterin hat hier gelernt. Danach sei sie einfach geblieben, erzählt sie. Sie ist nicht die Einzige. Einige der 19 Lehrkräfte, die an der Bode Schule beschäftigt sind, seien früher selbst hier in die Lehre gegangen. Heute unterrichten sie insgesamt 65 Schüler und Schülerinnen.

Schulgründer Rudolf Bode, hier mit seiner Ehefrau Elly, wollte seinen Schülern nachhaltig die Bedeutung von Sport vermitteln.

(Foto: privat)

Eigentümer des Hauses, in dem sich die Bode Schule befindet, ist der TSV Neuhausen-Nymphenburg. Deshalb gibt es neben der Turnhalle auch Squash-Räume. Dort können die Schüler tagsüber üben. Gerade studieren fünf von ihnen eine Choreografie ein. Eine Gruppenkomposition, wie es die Schulleiterin nennt, ist ebenfalls Teil der Abschlussprüfung. "Da kann jeder seine Persönlichkeit ausleben", sagt Atia. Von staatlicher Seite aus werden die Schüler von der Fakultät für Sport- und Gesundheitswissenschaft der TUM geprüft.

Die dreijährige Vollzeitausbildung ist anspruchsvoll. Und außerdem nicht ganz günstig. 260 Euro bezahlen die Schüler monatlich. Allerdings gibt es die Möglichkeit, Ausbildungsförderung zu beantragen. Marianne Bode ist der Meinung, dass sich das Investieren von Zeit und Geld lohnt. Sie sagt: "Der Gymnastik-Lehrer kann alles abdecken." Damit sei er jemandem, der einen Trainer-Schein im Fitness-Studio gemacht habe, weit voraus. "Der Unterschied ist einfach, der hat drei Jahre gelernt." Dieses Wissen zu vermitteln und dem Bewegungsmangel in der Gesellschaft entgegenzuwirken, gehört zu den Aufgaben eines Gymnastiklehrers. Wer die Bode Schule erfolgreich absolviert, kann später zum Beispiel an Schulen, in Kindergärten, in Reha-Einrichtungen, in Physiotherapiepraxen und anderen Bereichen arbeiten.

Die Turnmode hat sich sichtlich geändert.

(Foto: privat)

Ob durch Fächer, die auf Freizeit und Sport ausgerichtet sind, oder das Einüben von Tanzschritten, eines ist sicher: Der Beruf hält fit. Und das nicht nur körperlich. Laut Barbara Atia könne man auch Depressionen vorbeugen. Außerdem sagt sie, dass das Selbstbewusstsein enorm gesteigert wird. "Es ist irre, wie sich Menschen hier weiterentwickeln und lösen können", sagt sie. So hilft der Gymnastiklehrer nicht nur anderen, sich sportlich zu betätigen, sondern tut sich selbst etwas Gutes. Am Ende geht es vor allem um den Einklang von Körper, Geist und Seele - dieselbe Ganzheitlichkeit, die schon für Schulgründer Rudolf Bode das Entscheidende an der Gymnastik war.

© SZ vom 20.12.2019
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