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Nymphenburg:Exponierte Insellage

Die Erwartung, der Romanplatz werde im Zuge seiner verkehrstechnischen Erneuerung an Attraktivität gewinnen, hat sich für viele Anwohner nicht erfüllt. Sie können noch auf kosmetische Korrekturen hoffen

Von Sonja Niesmann, Nymphenburg

Landwirte, die sich von der Politik im Stich gelassen fühlen, kippen bei ihren Demonstrationen schon mal einen Haufen Mist vor die Tür ihres zuständigen Ministeriums. Offenbar hat sich jemand, der mit dem 2019/2020 aufwendig umgestalteten Romanplatz ganz und gar nicht zufrieden ist, an solchen Praktiken ein Beispiel genommen. Anfang Januar fand ein am Platz-Umbau beteiligter Architekt, der auch im Viertel wohnt, eine Ladung Müll vor seiner Haustür, dazu ein Schreiben mit wüsten Beschimpfungen. Angegangen worden, teils mit "unsachlichen Anschuldigungen", sei ihr Mann schon mehrmals, teilte die Ehefrau der Vorsitzenden des örtlichen Bezirksausschusses, Anna Hanusch, mit - aber ein solcher Übergriff auf "unser Zuhause, in dem unsere Kinder sicher und angstfrei aufwachsen sollen", gehe zu weit. Hanusch (Grüne) kann das gut nachempfinden: "Das ist erschreckend, ja, bedrohlich, Leute vor ihrer Haustür zu attackieren."

Lange Mängelliste: Die einen kritisieren den nur teilweise überdachten Wartebereich, die anderen vermissen Toiletten oder einen Kiosk.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Neun Monate lang, von Mitte März bis Dezember 2019, war der Romanplatz eine Großbaustelle, für alle Verkehrsteilnehmer und Anwohner ging dies einher mit beträchtlichen Einschränkungen und Zumutungen, mit Staus und Staub. Mit neuen Tramgleisen, einem zusätzlichen Gleis für die künftige Tram-Westtangente, längeren Bahnsteigen für Langzüge und einem neuen Rondell mit größerer Wendeschleife wollte die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) den Platz fit machen für die Zukunft des öffentlichen Personennahverkehrs. Im Zuge dieser Arbeiten werde man den Romanplatz auch attraktiver und grüner machen, versprach die Stadt. MVG-Projektkoordinator Alfred Lechner hatte es einmal so ausgedrückt: "Eigentlich hängen wir uns mit unseren Arbeiten nur dran, im Vordergrund steht das Gestalterische."

Phantomschmerz: Manche Nymphenburger vermissen auf dem Rondell das inzwischen abgerissene Tram-Stationshäuschen, das sich aber, so Anna Hanusch, nicht retten ließ.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Das hat offenbar hohe Erwartungen, vielleicht zu hochfliegende, geweckt, die einige Bürger nun als nicht erfüllt sehen. Die einen stören sich nur an einzelnen Ampelschaltungen, fühlen sich im nur teilüberdachten Wartebereich im Regen stehen gelassen, vermissen eine Toilette oder einen Kiosk. Wieder andere wünschen sich einen Springbrunnen auf dem neuen, nur von Bäumchen umrandeten Rondell, oder wenigstens einen Christbaum. Und noch andere lassen überhaupt kein gutes Haar am Ergebnis, wie etwa Catherine Jennings, die mit einigen Mitstreitern unter dem Label "Bürgerbewegung Blauer Regen" auftritt und sich gerne zu Nymphenburger Belangen zu Wort meldet. Schon im vergangenen Sommer hielt sie dem Bezirksausschuss einen langen Vortrag über den neuen Romanplatz, den sie als "das derzeit größte Verkehrs-, Gestaltungs- und Finanzproblem unseres Viertels" bezeichnete. "Die städtische Planung versprach uns einen Quartiersmittelpunkt, der attraktiv und identitätsstiftend sei. Bekommen haben wir einen bedrückenden schwarzen Betonbogen", klagte Jennings. "Jede erdenkliche Ecke ist noch gründlich ausbetoniert worden, und das Aussehen gleicht jedem Kreisverkehr an jeder beliebigen Autobahnausfahrt."

Für Randflächen sei oft nicht die Stadt zuständig, sagt Hanusch.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der Romanplatz sei eben ein Verkehrsknoten, hält Gudrun Piesczek (CSU), die den Unterausschuss Bau im Bezirksausschuss leitet, nüchtern dagegen: "Das ist ein reiner MVG-Zweck-Platz, und deshalb unterlag die Planung vielen Zwängen, war die Gestaltungsfreiheit sehr eingeschränkt." Von technischen Zwängen, von Hoffnungen, die wegen der Gemengelage nicht umsetzbar waren, spricht auch Anna Hanusch. Die Architektin und Stadträtin hat den Gestaltungswettbewerb zum Romanplatz von Anfang an begleitet. Er sah zwei Varianten vor, mit und ohne Randflächen. Gemeint sind mit Randflächen jene Bereiche, Gehsteige oder Flächen vor Geschäften etwa, die wie öffentlicher Grund wirken, jedoch im Privatbesitz sind; das resultiert daraus, dass viele Gebäude bis etwa in die 50er Jahre Vorgärten hatten. "Es gab den Versuch, private Eigentümer an Bord zu holen", versichert Hanusch, "aber viele haben abgelehnt." Mit nur einigen aber etwas umzusetzen, hätte "Mischmasch" ergeben; ein einheitlicher Bodenbelag zum Beispiel mache nur Sinn, wenn sich eine ganze Häuserreihe beteilige. Also wurde die kleine Variante umgesetzt. Deshalb dürfe man den Architekten kein Versagen vorwerfen, stellt Hanusch deutlich klar: "Die sind definitiv für vieles, wofür sie angegriffen werden, nicht verantwortlich."

Den Vorwurf, der Bezirksausschuss hätte das inzwischen abgerissene Tram-Stationshäuschen auf dem alten Rondell retten müssen, weist sie zurück. Lange Zeit hatten die Stadtviertelpolitiker sich ausgemalt, dieses den ansonsten gesichtslosen Platz prägende Häuschen zu erhalten, zu sanieren und einen wie auch immer gearteten Bürgertreff einzurichten. Das Bauwerk sei allerdings derart marode, sogar einsturzgefährdet gewesen, dass die hohen Kosten nicht dafür gestanden hätten. Sie könne das Skeptikern gerne anhand von Fotos belegen, die sie bei einer Begehung gemacht habe, erklärt Hanusch.

Sie hätte sich zwar auch einen "größeren Aufschlag" am Romanplatz vorstellen können, räumt sie ein, aber dass die MVG mal von der "Standardmöblierung von Haltestellen" abgewichen sei, finde sie spannend. Außerdem solle der Haltestellen-Bereich in der Platzmitte noch grüner werden, und vielleicht geht auch noch was an der kleinen Grünfläche Ecke Roman-/Notburgastraße, auf der im Winter der Christbaumverkäufer steht. "Wir warten jetzt mal das Frühjahr oder den Sommer ab", meint sie, dann könne man eine Begehung machen und vielleicht das ein oder andere nachschleifen - ein paar "Behelfsecken" nachbessern, wie sie es nennt. Eine grüne Oase wird aus dem Verkehrsknoten dennoch nicht werden.

© SZ vom 30.01.2021
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