Kritik:Aus dem Moment

Lesezeit: 1 min

Kammermusikalische Entzückung beim Nymphenburger Sommer.

Von Paul Schäufele, München

Es gibt aus Seltenheitswert interessante Programme, es gibt respektabel öde und bildungsbürgerlich repräsentative. Und es gibt solche, die aufgrund ihres Facettenreichtums versprechen, ein Vergnügen zu werden. Wenn sich dann drei so eigenständige Musiker zusammenfinden, um dies aufzuführen, ist der Abend ein Selbstläufer. So geschehen während des Kammermusikfests "Nymphenburger Sommer", als der jungreife Amadeus Wiesensee (Klavier), der wendige Pablo Barragán (Klarinette) und der erwartungsgemäß herausragende Eckart Runge (Cello) Stilspagate zwischen Beethoven und Francis Poulenc darboten.

Die drei eint ihr exploratives Temperament, die Partitur muss mit Neugier befragt werden. Die Exposition in Beethovens "Gassenhauer-Trio" hört man deshalb in der Wiederholung anders als beim ersten Mal, gefestigter, extrovertierter. Hier entsteht die Musik aus dem Moment einer gemeinsamen Inspiration. Blitzartige Stimmungswechsel sind keine Herausforderung. Im Finale von Beethovens Opus 11 wechseln Marschartiges, Elegisches und die titelgebende Gassenhauer-Heiterkeit, eingefangen mit nicht nachlassender Kreativität und Lust an stilistischer Genauigkeit. Auch im Duo: Wenn Runge an Leoš Janáčeks "Pohádka" (Erzählung) tritt, tut er das als Rhapsode auf vier Saiten, der mit vornehm anschmiegsamem Ton die Bizarrerien des Stücks ebenso phantasievoll ausgestaltet wie die lyrischen Passagen. Unterstützt vom wandlungsfähigen Amadeus Wiesensee, erreicht er eine Art Märchenwelthaltigkeit, die ihresgleichen sucht.

Eine ganz andere Welt, Glanz und Elend des Varietés, zeigt Barragán in Poulencs Klarinetten-Sonate. Sein vollendeter Klang und sein blitzender Witz in den Ecksätzen lassen diese Musik als das erscheinen, was sie ist - ein besonders eleganter Taschenspielertrick. Brahms' Opus 114 schließt den Abend ab, als Kammermusikerzählung von energiereicher Innigkeit. Ein durch und durch befriedigender Abend und eines der letzten Nymphenburger Konzerte, das Eckard Heintz organisiert. Wenn es auf diesem Niveau weitergeht, braucht einem um den Kammermusik-Sommer nicht bange zu sein.

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