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Null Acht Neun:Wie man's wendet

Grüne und SPD scheinen ein eher gespaltenes Verhältnis zur Internationalen Automobilausstellung zu haben. Viele Münchner arbeiten in der Autoindustrie, aber eine Automesse passt nicht unbedingt zur erwünschten Verkehrswende

Kolumne von Anna Hoben

Frei nach einem Gedicht von Gertrude Stein: Auto ist ein Auto ist ein Auto ist ein Auto. Oder doch nicht? Man könnte nach der vergangenen Woche durchaus auf andere Ideen kommen: Auto ist ein Fahrrad ist zwei Füße, zum Beispiel. Oder: Auto ist eine S-Bahn ist eine Tram. Die Regierungsparteien im Rathaus, Grüne und SPD, scheinen ein eher gespaltenes Verhältnis zur Internationalen Automobilausstellung (IAA) zu haben, die im nächsten Jahr in München stattfinden soll. Man wird den Eindruck nicht los, dass da zwei Seelen, ach!, in ihrer Brust wohnen. Die Münchner Erfolgsgeschichte basiert auch auf der Autoindustrie mit ihren vielen Beschäftigten, ruft die eine Seele. Und die andere entgegnet: Ja, aber ein bisschen blöd ist so eine Automesse schon, wenn wir das mit der Verkehrswende ernst meinen.

Während der IAA sollen die Münchnerinnen und Münchner deshalb nach dem Willen von Grünen und SPD nicht vorrangig die neuesten SUVs bewundern können, die mittlerweile größer sind als eine typische Münchner Einzimmerwohnung. Nein, sie sollen "erleben können, wie nachhaltige Mobilitätskonzepte in der Stadt ganz konkret aussehen". München soll, so eine Idee, die Autobranche beispielsweise mit einer Radlnacht auf dem Mittleren Ring begrüßen. Außerdem im Repertoire der Möglichkeiten: Die Sonnenstraße soll zwischen Stachus und Sendlinger Tor für den motorisierten Verkehr gesperrt und temporär zum Boulevard werden. Ein weiterer charmanter Willkommensgruß an die Aussteller wäre ein Superblock, etwa im Gärtnerplatzviertel. Dabei werden - in Barcelona gibt es das schon - Häuserblocks zu autofreien Zonen zusammengefasst.

Eine autofreie IAA: Diese geniale Strategie von Grün-Rot ließe sich künftig auch auf andere Münchner Messen anwenden. Sie könnten sich so ein ganz neues Publikum erschließen. Die Veranstaltung Weinherbst sollte unbedingt den Programmpunkt "Kein Alkohol ist auch eine Lösung" mit aufnehmen. Die Messe Babywelt müsste über Methoden informieren, wie es gar nicht erst zum Baby kommt. Auf der Briefmarkenmesse könnten sich moderne Messenger-Dienste präsentieren. Die Hochzeitsmesse Trau Dich könnte zum Abschluss die Podiumsdiskussion "Mut zur Scheidung" über die Bühne bringen. Und falls sich die Sache mit dem Impfstoff noch länger hinzieht, sollte die nächste Ausgabe der Reise- und Freizeitmesse Free unter dem Motto stehen: Wie man schöner zu Hause bleibt.

© SZ vom 10.10.2020
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