Süddeutsche Zeitung

Null Acht Neun:Wer nichts weiß, möge schweigen

Es gehört zu den seltsamsten Eigenschaften des homo internetensis, dass er sich persönlich angesprochen fühlt, auch wenn eine Frage gar nicht für ihn bestimmt ist

Glosse von Nadeschda Scharfenberg

Das alte Pandemie-Jahr 2020 wird als Jahr der Fragen im Gedächtnis bleiben. Wirkt der Impfstoff? Mit wie vielen Leuten und Kindern aus wie vielen Haushalten darf ich mich treffen? Ist Söders Platz wirklich in Bayern? Und: Dürfen die Kissen in den Trockner?

Noch nie haben wir Zuhausebleiber so viel im Internet eingekauft wie zuletzt, was zwar die Kaufingerstraße und diverse Arcaden in den Outskirts verwaisen lässt, aber den Vorteil hat, dass man nicht erst mühsam eine zwischen Regalen versteckte Verkäuferin suchen muss, um die Trocknerfestigkeit von Bettwaren zu ermitteln. Stattdessen wirft der oder die Kaufwillige die Frage einfach der geballten, aber leider auch amorphen Masse der Online-Shopper hin. Also, liebe Leute da draußen, wie ist das mit den Kissen und dem Trockner? Antwort aus dem Irgendwo: "Das weiß ich nicht, weil ich keinen Trockner habe."

Es gehört zu den seltsamsten Eigenschaften des homo internetensis, dass er sich persönlich angesprochen fühlt, auch wenn eine Frage, wie es so schön heißt, "in die Runde" geht, also nicht an jedes einzelne Individuum, sondern nur an solche, die es wissen. Das wäre früher in der Schule nie passiert, dass der Lehrer fragt: "Wann wurde Rom gegründet?", und es meldet sich fingerschnipsend der Alex aus Reihe drei und antwortet: "Das kann ich nicht sagen, weil ich noch nie in Rom war."

In der weiten Welt des Onlinehandels scheint der Satz "si tacuisses..." hingegen weitgehend unbekannt zu sein. Ob der Anti-Viren-Luftfilter auch gegen den Odeur aus dem Katzenklo hilft? "Keine Ahnung, mein Katzen-WC gibt keine Gerüche ab." Oder der billige Backofen, packt der zwei Tiefkühlpizzen? "TK-Pizzen verwende ich nicht. Sorry." Gut zu wissen wäre auch, ob die angebotene Trinkflasche hart ist oder aus weichem Material. "Das kommt darauf an, was Sie als hart ansehen."

Echt hart ist auch, dass sich Nicht-Herrchen bemüßigt fühlen, zur Frage Stellung zu nehmen, ob ein Staubsauger auch mit Hundehaaren im Teppich fertig wird, oder dass eine Elektroherd-Besitzerin ihr geballtes Nichtwissen über die Verwendung von Auflaufformen in Gasöfen preisgibt. Auf die Frage, ob man bei der hübschen LED-Lampe die Birne wechseln kann, gibt es gleich drei Antworten. Erstens: "Das kann ich leider nicht beantworten, weil sie bei mir bis jetzt noch heile ist." Zweitens: "LED sind, wie die Abkürzung schon sagt, keine Glühlampen, sondern Licht emittierende Dioden." Und drittens: "Fasst der Bayer in den Stecker, riecht es nachher immer lecker."

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SZ vom 02.01.2021
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