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Null Acht Neun:Von Freunden und Fremden

Gerade in München ist vielerorts zu erleben, wie viel Misstrauen sich in die deutsch-amerikanischen Beziehungen eingeschlichen hat

Kolumne von Wolfgang Görl

Es war Anfang der Siebzigerjahre im Hofbräu-Festzelt, damals, in den seligen Zeiten, als es noch das Oktoberfest gab. Zwei Amerikaner, langhaarig und bärtig, standen mit ihren Bierkrügen im Mittelgang, zu ihren Füßen zwei riesige Rucksäcke, womit klar war: Das sind Hitchhiker, die durch Europa trampen, also Jungs, die so ticken wie wir. Hey, stoßen wir an! Es wurde ein tadellos bieriger Wiesnabend, die beiden Amis betrachteten München bereits nach der dritten Mass als Paradies auf Erden, und wir sprachen über alles, was junge Leute damals bewegte: Über Woodstock, über unsere Trauer, dass Janis Joplin, Jimi Hendrix und Jim Morrison tot waren, über den verdammten Vietnamkrieg und den atomaren Wahnsinn, aber auch über die Liebe, die Lust und das Leben. Wir lebten ein paar tausend Kilometer voneinander entfernt, aber es war, als kämen wir aus dem selben Dorf.

Wäre das heute noch so? Schon möglich - in aller Welt finden sich Geistesverwandte, wahrscheinlich sogar in Trumps Amerika. Und doch scheint es, als lägen München und - sagen wir - Miami viel weiter auseinander als vor 50 Jahren. Säße man jetzt mit fremden US-Bürgern am Biertisch, kämen erst einmal finstere Gedanken auf: Sind die auch so drauf wie Trump? Applaudieren sie, wenn er mit zwei Sätzen wieder mal drei Lügen in die Welt zwitschert? Solche Sachen dächte man, und dabei hatten wir bei früheren Begegnungen mit Amerikanern stets das Gefühl, Freunde vor uns zu haben, auch wenn das manchmal naiv war. Heute ist das Gefühl weg; Misstrauen hat sich eingeschlichen.

Eigentlich lief es immer ganz gut zwischen München und Amerika, sieht man von der Zeit ab, in der die Nazis an der Macht waren. Der Schriftsteller Mark Twain, der 1878 in München eintraf, hat sich nach anfänglichem Fremdeln in die Stadt verliebt, und sein US-Kollege Thomas Wolfe, der in den Zwanzigern in eine wüste Wiesn-Schlägerei geraten war, schrieb begeistert, München habe ihn zwar fast umgebracht, "doch binnen fünf Wochen hat es mich so viel über die Menschen gelehrt, wie die meisten Leute binnen fünf Jahren nicht lernen". Nach dem Krieg brachten US-Soldaten Jazz und Rock'n'Roll an die Isar, in Clubs wie dem Birdland oder dem Tabarin lief schwarze Musik, und der Militärsender AFN spielte Songs, die deutsche Rundfunkanstalten erst später entdeckten - oder gar nicht. Wir hatten amerikanische Freunde, die uns im PX-Laden originale US-Army-Parkas besorgten. Im Amerikahaus am Karolinenplatz lauschten wir klugen Wissenschaftlern oder bewunderten amerikanische Kunst. Seltsam, dass die US-Regierung 1997 das Kulturprojekt verließ, so als wollte sie sagen: Was kümmert uns das alte Europa! Und dann kam Trump. Seither muss man sich täglich vorbeten: Nicht alle Amerikaner haben ihn gewählt.

© SZ vom 17.10.2020
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