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Null Acht Neun:Süßeste Sucht

Der Monaco Franze wird wieder und wieder ausgestrahlt. Das lässt sich in dieser so kontaktfreien Zeit nur als schwerer nostalgischer Schub deuten - aber das ist okay

Kolumne von Rudolf Neumaier

Am kommenden Donnerstag stünde der Weiberfasching auf dem Programm. Personen, die ihr Leben und Wirken der bedingungslosen Gleichstellung der Geschlechter verschrieben haben, werden bei dieser Ankündigung die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Weiberfasching?! Fallen wir jetzt zurück ins Mittelalter? Gemach, gemach, es besteht kein Anlass, die Pappnase zu rümpfen. Denn der Weiberfasching fällt sowieso aus. Wie der ganze Fasching. Aber Krapfen gibt es noch, mit Zucker zart gepudert, doch bedingungslos geschlechtsneutral.

Wobei jüngere Münchnerinnen und Münchner vielleicht gar nicht mehr so genau wissen, dass Fasching etwas anderes war als der Verzehr süßen Schmalzgebäcks. Irgendwann im Februar, jedenfalls vor dem Aschermittwoch, an dem die CSU den Fasching mit ihrer Prunksitzung in der Passauer Nibelungenhalle ausklingen ließ, verwandelten sich gestandene Frauen in Kaminkehrer, Bordsteinschwalben oder Amphibien und Männer in Piraten, Bordsteinschwalben oder Gorillas. Weil sie seinerzeit noch nicht so viel nachdachten, verkleideten sich auch manche Narren als Indianer, Chinesen oder Roberto Blanco. All diese Personen fanden sich in Lokalen ein, wo sie soffen, sangen und knutschten.

Glaubt man Zeitzeugen, war München ein Sündenpfuhl, verderbter als Berlin, verkokster als New York. Frivol von Freimann bis Solln. Den Berichten zufolge wurde im Fasching häufiger der Geschlechtsverkehr vollzogen als im Sommer. Das wird im Rückblick nicht nur auf alkoholbedingte Enthemmungen zurückgeführt, sondern auch auf ein grundsätzlich unbeschwerteres Leben.

Nimmt man Monaco Franze zum Maßstab, betörte ein durchschnittlicher Münchner der frühen 80er auch außerhalb des Faschings täglich mehr Münchnerinnen als der britische Agenten-Lüstling James Bond in fünf Jahren. Die Sendung wird wieder und wieder ausgestrahlt. Das lässt sich in dieser so kontaktfreien Zeit nur als schwerer nostalgischer Schub deuten, als Form der Sublimierung im Sinne Freuds. Und wo wir schon bei der Psychologie sind, sei hinzugefügt: Zu den Usancen des Weiberfaschings gehörte es in den 80ern, dass sogenannte Bürodamen Kastrationsfantasien ausleben und ihren Chefs die Krawatte abschneiden durften. Ob's jemals wieder so lustig wird?

Irgendwen zwischen Intendanz und Programmdirektion des Bayerischen Fernsehens scheinen Sehnsüchte an diese Ära zu übermannen, wenn sie oder er ständig Monaco Franze, den Stenz, aus dem Archiv holt. Aber das ist okay. Sehnsucht ist von allen Süchten die süßeste.

© SZ vom 06.02.2021
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