bedeckt München

Null Acht Neun:Sex, Bier und Blasmusik

Christian Mayer freut sich jetzt schon auf die Wiesn 2021. Oder 2022.

Viele plagt in diesen Tagen eine große Wiesn-Sehnsucht - doch es gibt ein gutes Gegenmittel

Kolumne von Christian Mayer

Wäre es ein normales Jahr, dann würde man jetzt, in den ersten Oktobertagen, morgens in den Spiegel schauen und sich wundern: warum die Hose nicht mehr ganz zugeht und die Augen so verquollen sind. Was aus den großen Geldscheinen geworden ist, die man eingesteckt hatte, nur zur Sicherheit. Wo eigentlich der Schorschi abgeblieben ist, der einen gestern an den Türstehern vorbei ins Schützenzelt gelotst hat. Und ob die blauen Flecken am Oberarm etwas mit den Geschehnissen in der Käfer-Schänke zu tun haben oder dem vergeblichen Versuch, das Teufelsrad zu bezwingen.

Die zwei, drei Oktobertage vor dem Wiesn-Finale sind ja immer die beste Zeit für den Vorsatz, sein Leben wieder in den Griff zu kriegen. Wer hätte 2019 gedacht, dass man diesen ganzen Wahnsinn einmal so schmerzlich vermissen würde, sogar den Wiesnkater? Es ist kein Wunder, wenn man vor lauter Sehnsucht irgendwann doch schwach wird und auf der Mediathek nach dieser neuen Fernsehserie sucht: "Oktoberfest 1900" ist gerade der ganze Stolz der ARD, eine Art "Game of Thrones" im Trachtenjankerformat. Sehr viel provinzieller als das Original, aber mit reichlich Sex, Bier und Blasmusik, mit grandiosen Kulissen und einem Alpenblick, bei dem man sofort Kopfschmerzen verspürt, weil hier die Türme der Frauenkirche direkt mit dem glühenden Alpenpanorama verschraubt sind. Wahrscheinlich war's der Föhn!

Ja, so hat man die Wiesn noch nie gesehen. Beim Zuschauen hat man gleich ein gewisses Verständnis für die Hauptfigur, einen Nürnberger Großbrauer, der sich mit nackter Gewalt einen Platz auf dem Oktoberfest erkämpfen möchte. Gebannt verfolgt man, wie der Fremdling aus Franken schon nach drei Tagen als neuer Chef der größten Festhalle aller Zeiten so aufgedunsen ist, dass er beinahe platzt. Und noch faszinierter schaut man dieser feschen Kellnerin zu, die sich ihre Stellung als Anstandsdame in der vermeintlich besseren Münchner Gesellschaft mit den schamlosesten Mitteln erschleicht. Später steigt sie zur Bierzeltikone auf und kontrolliert das Wiesn-Bordell hinter dem Bretterverschlag zu Füßen der Bavaria. So was kann wirklich nur eine Brigitte Hobmeier spielen, ohne ihre Würde zu verlieren.

Statt ein paar blauer Flecken gibt es bei dieser Mordsgaudi gleich ein richtiges Gemetzel. Und statt des üblichen Kopfwehs, das man mit zwei Ibuprufen gut in den Griff kriegt, liegt der Schädel des braven Giesinger Wirts abgetrennt in der Isar, daneben kampieren die Kannibalen aus Samoa. Natürlich beruht alles auf "wahren Begebenheiten", wie die Filmemacher versichern, ist doch logisch. Wer "Oktoberfest 1900" gesehen hat, ist jedenfalls erst mal geheilt von seiner Wiesn-Sehnsucht. Bis zum nächsten Jahr!

© SZ vom 02.10.2020
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