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Null Acht Neun:Rocket Man im Anflug

München ja jetzt überall fantastisch, wenn nicht phänomenal, es glänzt selbst an Ecken, die früher als Glasscherbenviertel galten. Die Schönferbers sitzen heute allerdings nicht mehr in der Oper, sondern in den Immobilienfirmen

Wer sich München heute noch leisten kann, neigt dazu, die Dinge zu verklären, schon aus Prinzip. Man würde ja auch keine teure Konzertkarte kaufen, sagen wir für Elton John diesen Mai in der Olympiahalle, und danach den Freunden erzählen: War ein wenig schmalzig und erwartbar. Nein, selbstverständlich wird dieser Abend mit dem "Rocket Man" mindestens großartig, wenn nicht phänomenal werden, die Fans werden den alten Elton niederknipsen, zumal das Ticket der günstigeren Variante 100 Euro und aufwärts gekostet hat (es gibt auch reguläre Karten für den dreifachen Preis). Es wird, ganz sicher, ein Galaabend wie damals in der Staatsoper mit dem "Monaco Franze", als der unvergessliche Dr. Schönferber in Helmut Dietls Fernsehserie zu seiner wütenden Eloge ansetzte: "Eine Sternstunde! Dankbar und glücklich müssen wir sein, dass wir dabei sein durften ..."

Überhaupt ist München ja jetzt überall fantastisch, wenn nicht phänomenal. Die Schönferbers sitzen heute allerdings nicht mehr in der Oper, sondern in den Immobilienfirmen, sie verfassen eine schmalzige Eloge nach der anderen, obwohl die grotesk überteuerten Wohnobjekte fast genauso schnell verkauft werden wie die VIP-Sitzplätze fürs Elton-John-Konzert.

Man muss München gar nicht mehr anpreisen, die Stadt ist ja schon deutscher Rekordmeister bei den Miet- und Immobilienpreisen, aber die Schönferbers geben sich dennoch alle Mühe. Über das noch immer angenehm einschläfernde Trudering heißt es neuerdings, es sei eine "grüne Oase mit sehr hohem Freizeitwert" und vereine "alle Vorzüge einer gewachsenen Dorfstruktur mit den praktischen Vorteilen einer Großstadt". Auch das nicht gerade unter Glamour-Verdacht stehende Großhadern macht auf einmal richtig was her, zumindest was die Preise angeht, aber hier trifft ja auch "dörflicher Charakter auf buntes Stadtflair", wie es in süffiger Maklerprosa heißt. Solln wiederum wird als "einer der begehrtesten und elegantesten Wohnorte der Stadt" angepriesen, das Stadtzentrum ist angeblich "in kürzester Zeit erreichbar". Inzwischen gilt auch für einst schwer verkäufliche Häuser, die meilenweit davon entfernt sind, den städtischen Fassadenpreis zu gewinnen, der Superlativ. Zur Not reicht eine "gepflegte kleine Grünfläche, die dem Hauszugangsbereich besonderen Charme verleiht".

Wo man auch hinschaut: Es scheint in München nur noch Wohnpalais, Penthouse-Träume und Luxushöfe zu geben, mal abgesehen von den glitzernden Jugendstiljuwelen und pompösen Deluxe-Living-Apartments, alles in Bestlage und versehen mit Adjektiven wie kultiviert, idyllisch, grün, romantisch, urban oder zur Not gemütlich, selbst wenn die Wohnung direkt an der Auffahrt zur A 99 liegt.

In Helmut Dietls Fernsehserie kriegt Dr. Schönferber zum Glück dann doch noch sein Fett ab. Die Opernaufführung war nämlich keine Sternstunde, weiß der Monaco Franze, als er dem bornierten Großbürger seine Grenzen aufzeigt; sie war ein "rechter Scheißdreck". Aber so eine bodenständige Bewertung traut sich eben nur ein Stenz.