bedeckt München

Null Acht Neun:Nervenkitzel in der Nachbarschaft

Woher die Münchner noch ihren Kick in diesen eintönigen Monaten herkriegen? Das ist gar nicht so schwer - der Adrenalin-Schub lauert an jeder zweiten Ecke

Glosse von Christiane Lutz

Wenn alle Kochbücher leergekocht, alle Restaurants durchbestellt sind, alle Yogavideos geturnt, München mehrmals umjoggt und der eigene Rekord mit dem Fahrrad auf Strava zum dritten Mal in einem Jahr geknackt ist, ja woher kriegen die Münchner dann noch ihren Kick in diesen eintönigen Monaten? Die gute Nachricht lautet: Der Mensch ist bescheiden geworden. Und die Euphorisierungsschwelle ist tief gesunken. Sogar bis unter die Wasseroberfläche des Eisbachs, in den täglich Lebenshungrige - oder sind es Lebensmüde? - steigen. Sie tun das, um beim langsamen Erfrieren ihrer Gliedmaßen wenigstens irgendwas zu spüren. Je härter die Zeiten, desto kälter die Gewässer.

Die Stadt hält aber noch weitere Micro-Abenteuer für Adrenalin-Junkies bereit. In Haidhausen liegen zum Beispiel noch immer gigantische Weihnachtsbaumhaufen herum, in dem ein paar Jungs ziemlich sicher einen alternativen Staat errichtet haben. Manchmal kommt auch ein Mann vorbei, der setzt sich mitten hinein ins Nadelzentrum und meditiert. Warum sich da nicht einfach dazu setzen?

Ein weiterer Nervenkitzel ist, bei starkem Schneefall mit diesen weißen, kabellosen Kopfhörern zu hantieren, während die Finger schon fast abgefroren sind. Fällt einer unbemerkt runter in den Schnee - großartig! Dann beginnt der Suchspaß. Weißer Kopfhörer in weißem Schnee - da ist man gleich mehrere Tage beschäftigt. Kniffliger als jeder Hollywood-Verschwörungs-Thriller. Den absoluten Kick bieten derzeit aber die kleinen Shops, bei denen man per Call and Collect einkaufen kann. "Rufen Sie an, wenn Sie in der Nähe sind", raunt die Buchhändlerin ins Telefon, "dann stelle ich die Tüte mit Rechnung einfach vor die Tür." So viel, was jetzt schiefgehen könnte: Was, wenn man unterwegs verhindert wird und erst in 15 Minuten ankommt? Was, wenn jemand beim Vorbeigehen die Tüte einfach mitnimmt? Was, wenn die Buchhändlerin das falsche Buch eingepackt hat? Schafft man es dann bis zur Tür, fühlt es sich so an, als würde man illegale Substanzen erwerben. Das setzt in etwa so viel Adrenalin frei wie früher ein Fallschirmsprung von Jochen Schweizer, währenddessen man sich im freien Fall gleichzeitig noch tätowieren oder die Haare schneiden lassen konnte. Was dringend mal wieder nötig wäre, aber das ist ein anderes Thema.

Diese Gier nach Leben ist nicht kleinzukriegen in München. Nur von Spaziergängen durchs eigene Viertel sei weiterhin dringend abgeraten. Womöglich trifft man jemanden, den man kennt. So viel Aufregung kann wirklich niemand wollen.

© SZ vom 30.01.2021
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