bedeckt München 20°

Null acht neun:Männer, die auf Sandplätze starren

Während Frauen sich in Whatsapp-Gruppen und Videochats längst mit der neuen Situation angefreundet haben, sehnen sich vorzugsweise nicht mehr ganz junge Männer nach besseren Zeiten auf dem Tennisplatz zurück

Kolumne von Christian Mayer

Es sind vor allem nicht mehr ganz junge Männer, die in diesen Tagen vor dem abgesperrten Tennisplatz am Perlacher Forst in Harlaching ihren abendlichen Spaziergang unterbrechen, kurz innehalten und schmachtend auf die leeren, wunderbar präparierten Sandplätze blicken, auf das ungenutzte Feld der Möglichkeiten. Diese Männer träumen von der Vergangenheit und von der Zukunft; die Gegenwart selbst hat leider wenig zu bieten, außer dem prächtigsten Osterwetter. Manchmal huscht den Männern ein Lächeln übers Gesicht, wenn sie sich vorstellen, wie sie irgendwann wieder eine saubere Vorhand übers Netz schicken werden oder einen Aufschlag fast wie der späte Jimmy Connors, bei dem der Gegner dann nicht den Hauch einer Chance hat.

Kann sein, dass die Realität auf dem Sandplatz bescheidener ausfallen wird nach so langer Pause, und dass den Sportsfreunden die Freude über die Wiedereröffnung der Anlage gleich beim ersten Match ins Kreuz fährt. Aber sei's drum, die Männer, die auf Sandplätze starren, haben die Hoffnung nicht aufgegeben. Spielt der große Corona-Krieger Markus Söder nicht selbst Tennis, wie er in Wahlkampfzeiten gerne erzählt? Er sollte doch ein Herz haben für Menschen, für die der Mindestabstand auf dem Platz ihrer Sehnsucht noch nie ein Problem war - und zur Not kann man auch die Regeln ändern und den Tie Break weglassen, wenn der Söder das auch noch per Dekret verfügen sollte. Hauptsache, man darf endlich wieder raus auf den Platz. Was Spargelbauern dürfen, muss doch den Tennisspielern ebenfalls erlaubt sein, das bisschen Stochern im Sand!

So also denken die Männer und kehren wehmütig vom Spaziergang nach Hause zurück, der Mangel an sozialer Intelligenz macht sich jetzt bei einigen stark bemerkbar. Das könnte den Frauen in den südlichen Münchner Vierteln nicht passieren, die haben sich längst auf die neue Situation eingestellt. Täglich rollt eine Whatsapp-Welle durch das Viertel, mit den allerneuesten Fitnesstipps von kalifornischen Gurus und der optimalen Playlist fürs Bauch-Beine-Po-Programm. Morgens und abends wird kollektiv gestretcht, bis die Schenkel glühen, die Online-Yogalehrerinnen verschicken eine Einladung nach der anderen, und abends treffen sich die Sportlerinnen noch zur Live-Schalte im Internet mit den allerbesten virtuellen Freundinnen aus der Nachbarschaft, um sich am Küchentisch mit einer guten Flasche Roséwein oder auch zwei über die Einsamkeit hinwegzutrösten. Die Männer sitzen dagegen leicht deppert im Wohnzimmer und grübeln über einen Satz von Karl Valentin: "Heute besuche ich mich. Hoffentlich bin ich zu Hause."

Bis der Tennisgott oder zumindest der Söder ein Einsehen hat, können sich die Männer ja zu Hause auch mal vor den Rechner setzen und gemeinsam mit ihren Sandplatz-Spezln die alten Spiele von Jimmy Connors auf Youtube anschauen. So eine gemeinsam durchlittene Zeit der Abstinenz hat dann zumindest einen Sinn. Sicher, das ist nicht ganz optimal, und man schwitzt eher wenig. Aber allemal besser als eine Depression.

© SZ vom 11.04.2020
Zur SZ-Startseite