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Null Acht Neun:Isar-Mangos in der Wintersonne

Früher, da konnte der Winter völlig unerwartet über einen hereinbrechen. Heute geht man statt Rodeln halt Radeln, mit langen Unterhosen kann man gut Fenster putzen - und im Englischen Garten locken die Südfrüchte

Wenn man ein gewisses Alter überschritten hat, wird man gelegentlich wehmütig, man sehnt sich zurück in eine Vergangenheit, die nicht unbedingt besser, aber anders war. Für viele jüngere Menschen mag es überraschend sein, aber es gab in München mal so etwas wie eine richtig kalte Jahreszeit. Der Winter war auch damals schon chronisch unzuverlässig, aber irgendwann setzte er sich fest und es schneite, was das Zeug hielt. Bis alles ins Rutschen kam und die Schlittenberge der Stadt voller dick vermummter Menschen waren, die man noch kilometerweit jauchzen hören konnte.

In manchen Jahren gab es über Wochen arktische Verhältnisse an der Isar, dann konnte man auf dem Nymphenburger Kanal Schlittschuh fahren, bis man die rosige Gesichtsfarbe von Didi hatte, dem legendären Obsthändler vor dem Hauptgebäude der LMU, der noch bei minus zehn Grad blendend gelaunt seine Frostfrüchte verkaufte, natürlich mit dem ortsüblichen Didi-Aufschlag und einem Augenzwinkern.

Ja, so kalt war das damals in München. Und natürlich konnte der Winter völlig unerwartet über einen hereinbrechen. Manchmal schlich er sich schon in den letzten Tagen des Oktoberfests von hinten heran; dann gab es vor den Bierzelten auf einmal Blitzeis und die spätsommerlich gekleideten Besucher schlitterten über die Holzbretter. Selbst am Faschingsdienstag war man längst noch nicht sicher vor der tückischen Polarluft und überraschenden Neuschneemassen: Wenn man etwas zu fröhlich sein Lieblingslokal in der Innenstadt verlassen wollte, landete man draußen auf dem Hintern, woran natürlich nie der Gin Tonic, sondern stets der Wintereinbruch Schuld war. Wer nicht Knall auf Fall scheitern wollte, trug damals im Münchner Fasching unter dem Kostüm eine lange Unterhose, um für Temperaturstürze und andere Eventualitäten gerüstet zu sein.

Angemessen ausgerüstet waren auch die Münchnerinnen und Münchner, die zur Edeldaunengesellschaft zählten. Diese heute fast schon ausgestorbene Spezies freute sich nur deshalb auf den Winter, weil sie dann endlich ihre luxuswattierten Designerjacken vorführen konnte, die durch die unfreiwillige Mitwirkung kanadischer Gänse entstanden war. In den südlichen Stadtvierteln, vor allem aber im Münchner Außenbezirk Kitzbühel zelebrierte die Edeldaunengesellschaft ihren Ski-Ski-Hedonismus bis zum offiziellen Saisonschluss nach Ostern, um dann übergangslos in die Biergartensaison zu starten.

Heutzutage braucht man in München keine Daunen mehr, denn der Winter ist auf Nimmerwiedersehen verschwunden, was die kanadischen Gänse sehr freut. Statt Rodeln geht man im Februar halt Radeln, und die langen Unterhosen lassen sich in Zeiten des Klimawandels gut zum Fensterputzen verwenden. Bald werden im sonnenverwöhnten Englischen Garten Dattelpalmen und Südfrüchte wachsen. Das wird wiederum den Didi freuen, wenn er noch seinen Stand vor der Uni hat. Dann kann er dort demnächst das ganze Jahr über Original Münchner Ananas und Isar-Mangos verkaufen.

© SZ vom 22.02.2020
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