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Null Acht Neun:Irgendwie doch ganz nett

Der Weltnettigkeitstag ist ausgerechnet auf einen Freitag, den 13., gefallen. Und nun? Es zeigt, dass nicht einmal im Corona-Jahr alles nur schlecht ist

Glosse von Anna Hoben

Wenn jemand diesen Text liest, dann ist der Freitag fast oder ganz vorbei und mit ihm das Dilemma, in das er manchen zum Ende der Woche gestürzt hat. So oft hat es das noch nicht gegeben, dass diese zwei scheinbar unvereinbaren Dinge auf dieselben 24 Stunden gefallen sind: der Weltnettigkeitstag - und ein Freitag, der 13. Okay, den Weltnettigkeitstag gibt es auch erst seit 1998. Mit der Konferenz der Nettigkeit ist er damals in Tokio begründet worden und wird seitdem immer am 13. November begangen. Er soll "die individuelle Nettigkeit steigern" und für einen freundlichen Umgang miteinander werben, entnimmt man dem Netz.

Im November 2020 gibt es keine Konferenz der Nettigkeit, sondern nur die tägliche Videokonferenz mit den Kollegen. Überhaupt hatte man zuletzt ja den Eindruck, das Konzept der Nettigkeit sei etwas aus der Mode gekommen, sein Image mindestens angekratzt. Siehe der Spruch: Nett ist die kleine Schwester von - na, Sie wissen schon. Das Jahr 2020 selbst wird denn auch kaum bestreiten, dass es schon nettere Jahre gegeben hat. Die Tage im Spätherbst werden wohl ins individuelle und kollektive Gedächtnis eingehen als Aneinanderreihung von netten Dingen, die alle ausfallen mussten. Es ist, als gelte für sie ein imaginäres Schild, wie es sonst an den Türen von Supermärkten hängt, versehen mit Piktogrammen von durchgestrichenen Hunden: "Wir müssen leider draußen bleiben."

Auch in München ist zuletzt viel Nettes entfallen, in dieser Woche zum Beispiel der Faschingsauftakt am 11. November, zu dem sich unter normalen Umständen bestimmt zwei oder drei Maskierte in die Straßen der Innenstadt verirrt hätten. Jetzt verirren sich auch Maskierte in die Innenstadt, viel mehr noch als sonst zum Fasching - aber, naja, anders. Wie als Entschädigung verkündete am gleichen Tag der Tierpark Hellabrunn die Geburt von Otto, dem kleinen Elefanten. Ja, das war wohl so ziemlich das Netteste, was diese Woche passiert ist in München.

Jetzt kann man sich natürlich fragen, ob die Geburt eines Elefantenbabys den traurigsten Faschingsbeginn aufwiegt. Es ist eine Frage, die seit Beginn der Pandemie immer wieder gestellt wird, anders formuliert natürlich. Gibt es nicht in all diesem Mist auch etwas Schönes zu entdecken, gibt es in all den Beschränkungen und Entbehrungen nicht auch etwas Positives? Anders gefragt: Gewinnt am Ende Freitag, der 13., oder der Weltnettigkeitstag? Das wird jeder anders beantworten. Fest steht, dass es dringend an der Zeit wäre für ein Weltnettigkeitsjahr.

© SZ vom 14.11.2020
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