Null Acht Neun:Gutes von gestern

Wenn in der Innenstadt Traditionshäuser schließen, kommen Wehmut und Sehnsucht. Und dann sehr schnell die Immobilienverwerter

Glosse von Andreas Schubert

Jedes Mal, wenn ein sogenanntes Traditionshaus in München seine Pforten für immer schließt, lassen die Abgesänge auf die gute alte Zeit meist nicht lange auf sich warten. Dann schwärmen die Menschen davon, was sie dort vor Jahrzehnten als Kind mal gekauft bekommen haben. Bei der Frage aber, wann sie zuletzt mal selbst in dem betroffenen Laden waren, müssen sie oft schon in den dunkelsten Ecken ihres Hirnkastls nach Erinnerungen kramen - manchmal mit der Erkenntnis, dass sie dort eigentlich überhaupt noch nie eingekauft haben.

Wenn die Klagelieder dann allmählich verhallt sind, dauert es oft nicht lange, bis sogar die Namen in Vergessenheit geraten. Wer weiß schon noch, wie der schicke Modeladen an der Theatinerstraße hieß, der vor bald zehn Jahren in der rauen See des Immobilienmarkts unterging, in der stets gierig die Finanzhaie lauern? Richtig, irgendwas mit M. Und was genau war eigentlich an der Stelle, wo heute die Glasfassade des Joseph-Pschorr-Hauses an der Neuhauser Straße ins Auge sticht? Ähm, ja, auch schon über zehn Jahre her. Irgendwas mit Beton wird's halt gewesen sein.

So ist das in dieser Stadt. Alles wandelt sich ständig. Was sich nicht mehr rentiert, verschwindet. Und bald macht auch der Kaut Bullinger zu, der in den vergangenen Jahrzehnten mehr ein Schreibwarenkaufhaus denn ein Laden war. Doch anders als teure Smartphones oder Tabletcomputer ein paar Meter weiter an der Rosenstraße sorgten Malblöcke und Buntstifte eher nicht für Kundenschlangen vor dem Laden. Vermutlich wird das Haus, dessen graue Steinfassade nur den Feinschmeckern unter Architekturfreunden Freude machte, abgerissen. Und man kann davon ausgehen, dass dann etwas wirklich, wirklich Tolles gebaut wird, mit toller Glasfront und einer tollen Markenkette als Mieter samt angeschlossenem Yoga-Studio für gestresste Vielverdiener.

An den Kaut Bullinger wird man dann auf dem Weg zwischen Rindermarkt und Marienplatz noch manchmal denken und vielleicht auch an so manches Weihnachten, als man dort in letzter Minute noch schnell ein handgebatiktes Notizbuch als Verlegenheitsgeschenk für Tante Maria und einen Edelstahlkuli für Onkel Edgar erstand. Irgendwann aber wird eine neue Glitzerfassade an selbiger Stelle dafür gesorgt haben, dass auch diese Erinnerungen verblassen.

Den Mitarbeitern wird das jähe Ende des Traditionshauses eine Zeit lang vermutlich schmerzlich im Gedächtnis bleiben. Einige werden sich wohl eine andere Stelle suchen müssen. Dass ihnen eine Immobilienfonds-Gesellschaft einen neuen Job anbietet, dürfte dabei eher unwahrscheinlich sein.

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