Null acht neun Grau und grausam

Reisebilder beim Zahnarzt, Yoga bei der Kommunalreferentin: Dem Münchner bieten sich viele Möglichkeiten, den November-Blues zu begegnen. Und es gäbe noch so viele mehr für seine Jagd nach Erholung

Kolumne von Christiane Lutz

Der November ist die Zeit, in der traditionell die letzten Urlaubserinnerungen eine um die andere vom Nebel verschluckt werden. Die mühsam erarbeiteten Sommersprossen und die noch mühsamer erarbeitete Gelassenheit - alles futsch. Der November ist der Monat, in dem manche schon wieder so erschöpft sind, dass sie sich auf Reisen in tropische Gebiete begeben müssen, um nicht in eine Lebenskrise zu verfallen. Alle anderen hören Tom Waits' "November" und tun sich selbst leid. Ach, Urlaub.

München wäre aber nicht München, wenn es sich nicht mächtig anstrengen würde, dem November-Blues entgegenzuwirken. Ein Zahnarzt im Glockenbachviertel beispielsweise hat an der Decke über dem Behandlungsstuhl einen Bildschirm angebracht, auf dem (seine?) Reisefotos in einer nie endenden Slideshow durchlaufen. Während man also offenen Mundes daliegt und dentale Wartungsarbeiten über sich ergehen lässt, kann man sich in die Toskana, an den Bosporus und an einen hübschen tropischen Wasserfall träumen. Wer so einen Zahnarzt hat, braucht keine Fernreise. Auch die Stadt gibt sich Mühe: Kommunalreferentin Kristina Frank etwa setzt sich für Yoga auf städtischen Dachterrassen ein. So, wie man das in dem an hohen Dächern reich gesegneten New York macht. Nicht wundern also über die Schar an Menschen in ungewöhnlichen Posen auf dem Dach des Kommunalreferats. Es sind herabschauende Hunde und Krieger, die die unsichtbare Wintersonne grüßen.

Vielleicht ist dies der richtige Moment für die Stadt, diese November-Blues-Offensive ganz groß zu denken und endlich Wellness-Behandlungen in öffentlichen Fahrstühlen anzubieten. Kaum etwas erfrischt doch so wie eine Nackenmassage zwischen Erdgeschoss und zweitem Stock des Kreisverwaltungsreferats. Denkbar wären auch Lyrik-Lesungen auf der überfüllten Stammstrecke und Gruppenmeditationen auf dem noch volleren Marienplatz. Dieses redundante Glockenspiel kann man ja im Frühjahr wieder einschalten.

München ohne novembergraue Gesichter wäre ein schöneres München. Nur übertreiben sollte man es nicht mit den Angeboten. Denn, das steht vorsichtshalber auch neben dem Bildschirm beim Zahnarzt: "Nirgends strapaziert sich der Mensch so sehr wie bei der Jagd nach Erholung."