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Null Acht Neun:Eine neue Wohnung für die Sammlung

Im Laufe eines Lebens häuft der Mensch alles Mögliche an, Schallplatten etwa oder Bücher. Ein Immobilienunternehmen will sich das jetzt offenbar zunutze machen

Glosse von Andreas Schubert

Über den Einfallsreichtum von Immobilienvermarktern kann man immer wieder und gar nicht genug staunen. Gerade in München werden selbst die eintönigsten Betonkästen als Blabla-Höfe, Dingsbums-Gärten oder Ötzelbrötzel-Residenzen in solch blumiger Werbeprosa angepriesen, dass sich sogar Dr. Schönfärber aus der Serie "Monaco Franze" vor Neid am Schampus verschlucken würde.

Ja, jeden Reinfall zu einem einmaligen Erlebnis hochzujubeln ist eine Kunstform, die in München eine schöne Tradition hat und mit den Jahren immer mehr perfektioniert wurde, vor allem dank der Kreativität in den Denkwerkstätten hiesiger Bauträger. Freilich müssen sich die Werber immer was Neues einfallen lassen, denn selbst der naivste Wohnungssuchende weiß längst, dass "Wohnen im Grünen" nichts anderes bedeutet als "am A... der Welt", verkehrsgünstige Lage "Autobahn vor der Nase" und "beliebtes Viertel" so viel wie "Millionäre bevorzugt".

Weil es von Letztgenannten mehr gibt, als man es sich vorstellen möchte, hat ein Hamburger Immobilienunternehmen nun eine neue Eskalationsstufe des Hochjubelns ausgeheckt. Im Bauprojekt "Hoch der Isar" auf dem Gelände der früheren Paulaner-Brauerei bietet es Wohnungen als "Sammlerstücke" feil. Aber nicht irgendeinen billigen Tand, die Häuser sind vielmehr "eine kuratierte Auswahl von dreizehn Einzelstücken in meisterhaften Architekturen". Wen diese PR-Bombe nicht erlegt hat, erfährt beim Weiterlesen: "Jedes einzelne adelt seinen Besitzer als ausgewiesenen Kenner mit Weitblick. In diesen Häusern avanciert die eigene Wohnung zum glanzvollsten Schmuckstück in der persönlichen Sammlung des Lebens."

Tja, der Mensch häuft im Laufe eines Lebens alles Mögliche an - Schallplatten, Bücher, leere Joghurtbecher. Warum nicht auch Wohnungen? Es ist sicher sehr erbaulich, durch eine Galerie zu schreiten, in der statt dröger Kunst Grundbuchauszüge und Teilungserklärungen an der Wand hängen. Man wäre gerne bei der Vernissage dabei, wenn so ein geadelter Wohnungskenner das neueste Einzimmerapartment für seine Miniaturensammlung enthüllt. Man stellt sich dann den Sammler als Dr. Schönfärber vor, wie er die berühmten Worte "dankbar und glücklich müssen wir sein, dass wir dabei sein durften", säuselt. Und denkt man dann an Monaco Franzes Reaktion "ich glaub, jetzt schmier ich ihm gleich eine", wäre dem nicht mehr viel hinzuzufügen.

© SZ vom 31.10.2020
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