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Null Acht Neun:Die wirklich besinnlichen Dinge

Wofür so eine Ausgangssperre alles gut sein kann. So hat man endlich Zeit für die wirklich, wirklich, wirklich besinnlichen Dinge - "Rambo" zum Beispiel

Kolumne von Andreas Schubert

Die sogenannte staade Zeit, ob sie nun mit einem a geschrieben wird oder mit zwei, ist sogar den Isarpreußen, also den Münchnern, ein Begriff. Staad heißt bekanntermaßen ruhig oder still, und weil heuer der Shoppingwahnsinn und das rauschhafte Christkindlmarkthopping ausgefallen sind, melden sich immer mehr ganz Gescheite mit der Weisheit zu Wort, der diesjährige Advent sei endlich mal eine wirklich, wirklich staade Zeit, in der mal Muße für die wirklich wichtigen Dinge sei. Was nun im Lockdown wichtig ist, entscheidet natürlich jeder selber.

Während manche sich in Ruhe sämtliche Aufzeichnungen der Helene-Fischer-Show anschauen werden, während sie nebenbei ihre Klopapiersammlung sortieren, werden andere ein gutes Buch lesen. Zumindest werden sie das behaupten. Wer gibt schon freiwillig zu, dass er gerne schlechte Bücher liest? So manche Münchner Politiker und Politikerinnen werden vielleicht die Zeit nutzen, um ihre Hunderte Tweets noch mal zu lesen, die sie übers Jahr in die Welt geblasen haben. Und sie werden so manchen unüberlegten Quatsch wieder löschen und sich fürs nächste Jahr vornehmen, die Twitterei etwas einzuschränken. Aber man weiß ja, dass Vorsätze spätestens am zweiten Januar längst wieder vergessen sind.

Auf jeden Fall möchte man manchmal den Menschen, die sich über die vermeintlich so staade Zeit jetzt freuen, ein bairisches "bi staad" entgegenhalten, was man durchaus mit "halt die Klappe" übersetzen kann. Denn sie haben ja nicht recht: Noch nie wurde man so oft gestört, nie hat es an der Tür so oft geklingelt wie in letzter Zeit. Tagsüber sind es diverse Lieferanten diverser Paketdienste, abends sind es dann die Nachbarn, auch aus anderen Häusern in der Straße, die diese Pakete wieder abholen kommen. Manchmal klingelt es sogar, wenn man allmählich, also schee staad, ins Bett gehen will. Aber nach neun Uhr abends dürfte nun damit Schluss sein. Da weiß man, für was so eine Ausgangssperre alles gut sein kann.

Letzterer verdanken wir übrigens, dass wir auch an Heiligabend endlich unsere Ruhe haben. Die Freunde oder Verwandten werden, nachdem man sich gemeinsam am Heiligen Nachmittag ein Krippenspiel im Kinderfernsehen angeschaut hat, spätestens um acht wieder hinauskomplimentiert. Dann hat man endlich Zeit für die wirklich, wirklich, wirklich besinnlichen Dinge. Man muss sich nur entscheiden können, ob man sich vor "Tödliche Weihnachten" im TV lieber "Rambo" oder "Stirb langsam" reinpfeift.

© SZ vom 19.12.2020
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