Null Acht Neun:Die neuen Rennfahrer

Hochgerüstete SUV galten lange als die größten Ärgernisse im innerstädtischen Verkehr. Inzwischen wird der Drang zur Größe mit ganz anderen Mitteln ausgelebt

Kolumne von Christian Mayer

Kürzlich auf dem Münchner Highway, ein glänzender Septembermorgen, perfektes Wiesnwetter, wären die Zeiten normal. Der Fahrradverkehr auf der Isar-Tangente läuft erst nahezu flüssig, dann stockt er vor der Maximiliansbrücke, es kommt zum üblichen Gedränge vor der Ampel. Von links und rechts schießen Fahrer an den anderen vorbei, quetschen sich in zweiter und dritter Reihe auf den Gehsteig, zuletzt überholt ein ganz Penetranter im zinnoberroten Wurstpellen-Outfit, um sich die Startposition zu sichern und dann als Erster über die Kreuzung zu brettern.

Große Aufregung, Geklingel und Gebrüll, denn die Wurstpelle hat es mit seiner Raserei doch ein wenig übertrieben, und während der Mann beim Antritt kurz sein prächtig ausgeformtes Hinterteil zeigt und mit fünfzig Sachen Richtung Englischer Garten verschwindet, springt die Ampel erneut auf Rot. Für die anderen in der Schlange heißt das: noch eine Runde fröhliches Warten.

Ja, es ist beinahe wie beim Autoscooter auf dem Oktoberfest, man kommt sich stoßweise näher; nur dass die Fahrradfahrer um diese Uhrzeit meist noch nüchtern sind. Willkommen auf Münchens Isar-Rennstrecke, dem letzten Ort der Anarchie, wo heute das Recht des Schnelleren gilt.

Früher war es ja ein Privileg der Autofahrer, sich fluchend und hupend durch die Innenstadt zu quälen und sich in unförmigen Fahrzeugen auf die Suche nach den wenigen Parkplätzen zu machen. Und man kann es ja irgendwie nachvollziehen, dieses blöde Gefühl, täglich ausgebremst zu werden und unter seinen Möglichkeiten bleiben zu müssen, wenn man in einem hochgerüsteten SUV sitzt, der eher für eine Rallye durch Westafrika geeignet wäre als für den Münchner Stop-and-Go-Verkehr. Und wenn einen dann noch die Friday for Future-Kids auf dem Marienplatz zum Feindbild erklären, trägt das auch nicht gerade zur guten Laune bei.

Wie schön, dass man als Münchner Radfahrer immer mit einem guten Gewissen unterwegs ist. Man tritt ja fürs Weltklima ein. Vor allem aber strampelt man mit zunehmender Leichtigkeit auch fürs eigene Ego. Neuerdings muss man nur aufpassen, dass man nicht auf der Strecke bleibt, ohne E-Bike. Wenn frisch erblühte Mittsiebziger auf fabrikneuen Modellen am Giesinger Berg mühelos an einem vorbeiziehen und antriebsstarke Glockenbach-Mütter mit Cargo-Bike und drei Kindern im Gepäck einen auch ganz locker überholen, dann sollte man sich schon mal Gedanken machen. Der eigene Akku könnte schneller leer sein, als man glaubt.

Immer weiter, immer leichter, am besten auf zwei- oder dreispurigen Fahrrad-Autobahnen quer durch München: Das ist die Zukunft. Wer jetzt noch keine Wurstpelle auf zwei Rädern ist, sollte sich beeilen. Zeit wird's.

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