Kritik:Das Kollektiv schreitet zur Tat

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Welche Rolle spielt Rache heute noch? "Vendetta vendetta" am Staatstheater Nürnberg. (Foto: Konrad Fersterer)

"Vendetta vendetta" am Nürnberger Staatstheater mit Ensemblemitgliedern aus Schauspiel, Oper, Ballett und Staatsphilharmonie.

Von Florian Welle, Nürnberg

Medea und Michael Kohlhaas, Elektra und Rigoletto, sie alle sind getrieben von Rache. In den darstellenden Künsten wimmelt es von Helden und Heldinnen, die Vergeltung üben. Die Frage, ob man den archaischen Trieb überhaupt in Kunst und Kultur auslagern kann, stand am Anfang von Thomas Köcks Beschäftigung mit diesem Phänomen. Sie mündete in sein Stück "vendetta vendetta", das vor einem Jahr am Schauspiel Leipzig uraufgeführt wurde.

Jan Philipp Gloger hat Köcks für drei Schauspieler und einen Chor geschriebene Textfläche nun am Staatstheater Nürnberg in einen ebenso unterhaltsamen wie tiefgängigen Reigen aus Arien und Szenen, unter anderem aus Mozarts "Zauberflöte", Verdis "Rigoletto", Kleists "Michael Kohlhaas" und John Crankos "Onegin"-Ballett, verwandelt. Der Nürnberger Schauspieldirektor brachte dafür Künstler aus den Sparten Schauspiel, Oper, Tanz und die Staatsphilharmonie zusammen. Gemeinsam stellen sie die Frage, was man unter Rache eigentlich versteht? Welche Rolle spielt sie heute noch, wo doch längst alles gesetzlich geregelt scheint? Beginnt sie mit einer Beleidigung, einer Verletzung oder doch mit der Unmöglichkeit zu verzeihen?

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Die besondere Energie der Inszenierung, die wahlweise vor dem eisernen Vorhang oder einem von Gewitterwolken umdräuten antiken Theater spielt, auf dessen Stufen die Musiker Platz genommen haben, entsteht durch die spannungsgeladene Interaktion aller Mitwirkenden. Da tanzen Karen Mesquita und Oscar Alonso gerade noch als Kain und Abel ein wüstes Duett in Fellkleidung, um dann ihre Stimme zu erheben wie die Schauspieler Tjark Bernau, Elina Schkolnik und Justus Pfankuch. Da kloppt sich Andromahi Raptis gerade noch unter vollem Körpereinsatz mit Bernau, um wenig später als prächtig kostümierte Königin der Nacht auf die Bühne zu schweben und ihren Sopran strahlen zu lassen. Genauso wie Wonyong Kang als Rigoletto seinen Bassbariton.

Jeder Darsteller hat hier seinen Auftritt, der dem Rache-Thema eine weitere Nuance hinzufügt

Jeder Darsteller hat hier seinen Auftritt, der dem Rache-Thema eine weitere Nuance hinzufügt. Pfankuch als "Würgengel" Kohlhaas, Bernau als Shakespeares Shylock und Schkolnik mit einem selbst geschriebenen Monolog, in dem sie imaginiert, wie sie sich an den Nazis rächt, die einst ihre ganze Familie väterlicherseits in der Ukraine ermordet haben. Die Fallhöhe der Aufführung ist mitunter gewaltig, denn Jan Philipp Gloger bleibt seinem Anspruch treu, wonach es die Aufgabe eines Regisseurs ist, das Publikum mindestens zwischendurch auch zum Lachen zu bringen.

So ist die schönste Szene des zweistündigen Abends reinster Stummfilm-Slapstick, in dem die Schauspieler nicht sprechen, die Sänger nicht singen und die Tänzer nicht tanzen. Ohne Worte, aber mit unbändiger Spielfreude erzählt man die Geschichte, wie in einem sehr deutschen Mietshaus ein banaler Nachbarschaftsstreit in eine veritable Katastrophe führt. Was mit dem kindischen Verschieben der Fußmatte beim peniblen Nachbarn anfängt, führt über das hinterhältige Drapieren einer Bananenschale bis zum Gebrauch von Schusswaffen. Wo beginnt und endet Rache?

Gloger lässt die Szenen geschickt ineinander übergehen und zeigt, wie aus Opfern Täter und aus Tätern Opfer werden. Der Autor Thomas Köck weitet diese Erkenntnis in seinem Text jedoch noch auf die Verfasstheit unserer Gesellschaft im Hier und Heute aus und beschreibt die sogenannte gesellschaftliche Mitte als Mythos. Weil diese alles ausgrenzt, was nicht ihren Normen entspricht, stilisiert sie sich zum Opfer.

Im Gegensatz zu den Künsten, wo es immer das Individuum ist, das sich rächt, schreitet hier das Kollektiv zur Tat. Da ist was dran, es kommt aber in der Verkürzung ziemlich verblasen und plakativ rüber. Mit Köcks "Mittelschichtschor" weiß denn auch Gloger nicht mehr anzufangen, als ihn gegen Schluss als Videofilm zu präsentieren und die bis dahin konsistente Inszenierung merkwürdig ausfransen zu lassen.

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