Was läuft in der KunstNürnberger Genies im Zeichen von Me Too

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Michael Mathias Prechtl: Frau B., um 1967 entstanden.
Michael Mathias Prechtl: Frau B., um 1967 entstanden. Kunstvilla / Annette Kradisch

Farbexplosionen, Sozialkritik und Geniekult: Was Nürnberger Ausstellungen in diesen Wochen zu bieten haben.

Von Evelyn Vogel

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Denkt man an Nürnberg, denkt man an – nun ja, Bauchmenschen wie Söder vermutlich an Bratwurst, Kopfmenschen wohl eher an Dürer. Das Angebot ist bei beiden ganzjährig wohlfeil zu haben. Auf welche kulinarischen Pfade die Metzger der Stadt sich zwecks Abwechslung begeben, bleibt dahingestellt. Was sich die Ausstellungsmacher überlegt haben, ist durchaus einen Gedanken und vielleicht auch eine Reise wert.

Kürzlich hat in der Kunsthalle Nürnberg die Ausstellung Colour Crush eröffnet. Und so wie man bei Nürnberg an Dürer denkt, denkt man bei Farbe an Rupprecht Geiger. Dessen monochrome, konkrete Farbfeldmalerei – Leihgaben aus mehreren Jahrzehnten aus dem Archiv Geiger in München – bildet den Ausgangspunkt und Resonanzkörper für eine Auseinandersetzung zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler mit Farbe. Da geht es um Textur und Materialität, Licht und Reflexion, Atmosphäre und Emotion. Und allem voran: um eine sinnliche und räumliche Wahrnehmung von Farbe. Zu sehen sind pastose Farbschichtungen, raumgreifende Installationen, Glasarbeiten, gebatikte Seidenstoffe oder auch Neon-Arbeiten. Einiges davon wurde ortsspezifisch entwickelt und reagiert unmittelbar auf die Architektur der acht Oberlichtsäle der Kunsthalle Nürnberg (bis 7. Juni).

Hans Ticha: „Klatscher“ von 1982/1990, im Neuen Museum Nürnberg.
Hans Ticha: „Klatscher“ von 1982/1990, im Neuen Museum Nürnberg. Christoph Petra / VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Dem Grafiker und Maler Hans Ticha richtet das Neue Museum in Nürnberg in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Rostock eine Retrospektive aus, die vor wenigen Tagen eröffnet wurde. Der 1940 geborene, bis zur Wende in der DDR tätige Künstler war vor allem als Illustrator von Büchern bekannt. Fernab vom offiziellen Kunstbetrieb der DDR schuf er jedoch auch ein malerisches Werk, das die hohlen Gesten und Rituale des Arbeiter- und Bauernstaats mit Ironie entlarvte. Ausgestellt werden konnten sie in der DDR nicht. Das holen Rostock, wo die Schau im Winter zu sehen war, und Nürnberg jetzt nach. Tichas Malerei ist beeinflusst von klassischer Moderne und Pop-Art. Er selbst bezeichnet diese Arbeiten als „Agit-Pop“, eine ironische Umdeutung des Begriffs Agitprop. Die Ticha-Retrospektive ist bis 14. Juni zu sehen.

Ohne Dürer, wenn auch nur „im Herzen“, kommt die Stadt dann doch nicht aus. Zum 100. Geburtstag des Nürnberger Künstlers Michael Mathias Prechtl (1926–2003) widmet die Kunstvilla im Kunst Kultur Quartier unter dem Titel „Mit Röntgenblick“ seinen Porträts eine Kabinettausstellung. Die reicht über zwei Jahrzehnte seines künstlerischen Wirkens. Von der Auseinandersetzung mit Rembrandt über das Porträt des langjährigen Direktors der Kunstsammlungen Wilhelm Schwemmer bis hin zum Ehrenbürger Hermann Kesten offenbart sich Prechtls Gespür für Charakter und Zeitgeist. Gezeigt werden hier Werke aus der eigenen Sammlung sowie ausgewählte Leihgaben der Grafischen Sammlung der Stadt Nürnberg.

Doch Prechtls 100. Geburtstag wird nicht nur hier gefeiert: Zeitgleich zeigt das Albrecht-Dürer-Haus unter dem Titel Mit Dürer im Herzen Grafiken von Prechtls Reise in die Niederlande. Der folgte 1970 im Vorfeld des 500. Geburtstags des großen Meisters dessen Spuren in die Niederlande aus den Jahren 1520/21. Doch während Dürer auf eigene Faust mit Schiff und Pferdewagen unterwegs war, reiste Prechtl meist mit dem Auto und begleitet durch ein Filmteam des ZDF. Dürer bangte um die Fortzahlung seiner kaiserlichen Leibrente und begab sich ins Unbekannte, um neue Märkte für seine Kunst zu erschließen. Prechtl dagegen wurde unterstützt durch ein Stipendium, das Roland Graf von Faber-Castell zum Dürer-Jahr 1971 ausgelobt hatte. Die unterwegs entstandenen Zeichnungen stehen im Mittelpunkt dieser Ausstellung zum 100. Geburtstag Prechtls. Beide Prechtl-Ausstellungen sind bis 28. Juni zu sehen.

Wenn es um Genies geht, kann Dürer nicht weit sein. So auch in der Ausstellung Genie, Idol, Star – Verehrung im 19. Jahrhundert, die am 14. Mai eröffnet und bis 6. September im Germanischen Nationalmuseum zu sehen sein wird. Unter all den Namen wie Shakespeare, Friedrich der Große, Napoleon, Goethe, Schiller, Königin Luise, Bismarck, Beethoven, Humboldt, Paganini, Liszt, Schumann, Wagner und vielen anderen taucht auch er auf: Dürer.

Die Ausstellung will den gesellschaftlichen, sozialen und historischen Kontext des Geniekults untersuchen, von der Blütezeit bis zur Anfangsphase des modernen Starkults um 1910. Dabei gilt: Krisen nährten zu allen Zeiten die Sehnsucht nach Anführern, Rettern und Vorbildern. Und wo die Religion keinen Halt mehr gab, suchte man sich halt Ersatzheilige aus dem weltlichen Leben.

Dabei galt das Genie lange als gottgleicher Schöpfer und schier unantastbarer Grenzüberschreiter. Man darf gespannt sein, wie die Ausstellung das Umdenken in dieser Hinsicht seit der Me-Too-Bewegung thematisieren wird. Der Star verkörpert zwar einige Genie-Eigenschaften, gilt aber als publikumsnäher und emotionaler als das Genie. Zudem ist die Rolle des Stars nicht mehr nur auf Männer beschränkt wie gemeinhin beim Genie. Eine weitere Kategorie ist das Idol. Ähnlich wie der Star wird das Idol verehrt, verklärt, vermarktet. Vielleicht gibt es aber einen entscheidenden Unterschied: Ein Idol zeichnet sich doch meist durch eine gewisse seltene Begabung aus und scheint unerreichbar. Ein Star kann in Zeiten von Social Media jeder sein. Holt mich hier raus!

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