Sparen in der Krise:Muss Nürnberg Museen dichtmachen?

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Sparen in der Krise: Nürnberg muss sparen und überlegt, die Kunsthalle zu schließen.

Nürnberg muss sparen und überlegt, die Kunsthalle zu schließen.

(Foto: Volker Preußer/imago)

Die Stadt will im Kulturbereich 6,2 Millionen Euro einsparen. Man überlegt, die Kunsthalle und die Kunstvilla zu schließen. Auch populäre Events wie die "Blaue Nacht" oder das Bardentreffen stehen auf dem Prüfstand.

Von Evelyn Vogel, Nürnberg

Der Vorschlag des Nürnberger Kämmerers: Museen wie die Kunsthalle und die Kunstvilla schließen, Großveranstaltungen wie das Bardentreffen, die "Blaue Nacht" und andere publikumsträchtige Kulturformate zeitlich ausdünnen sowie weitere Kulturangebote streichen, um Kosten zu sparen. Das hat nicht nur in der Dürer-Stadt für erheblichen Wirbel und Unruhe gesorgt. In einem Bericht der Nürnberger Nachrichten war von 15 Millionen Euro Anteil der Kultur an den Einsparungen die Rede. Kämmerer Harald Riedel sagte in einem Telefonat mit der Süddeutschen Zeitung, es gehe um 6,2 Millionen Euro, die im Kulturbereich bis 2026 eingespart werden müssten. Darin enthalten: 1,5 Millionen Euro, die durch die Schließung der beiden Museen gespart würden.

Doch wäre eine Museumsschließung nicht ein weit über Nürnberg hinausgehendes Alarmzeichen? Eines, das noch viel schlimmer wäre als das aus dem elsässischen Straßburg, wo inzwischen die Öffnungszeiten der Museen verkürzt wurden, um Geld zu sparen? Und käme eine solch rigorose Maßnahme nicht dem berühmten Öffnen der Büchse der Pandora gleich, fragen sich Künstlerinnen und Kulturveranstalter, Kunstfreunde und Kulturpolitikerinnen gleichermaßen? Denn wenn die Kommunen mit dem Kultur-Lockdown anfangen, wer folgt als nächstes? Was tut der Freistaat, der sich Kulturstaat nennt und 1996 einen Kulturfonds Bayern geschaffen hat, der sich "auch in Zeiten knapper Kassen als verlässliches und flexibles Instrument der Kulturförderung" bewähren soll, wie es auf der Internetseite des Ministeriums heißt? Und was tut der Bund, für den Kulturstaatsministerin Claudia Roth vor gut einer Woche verkündet hat, man wolle in enger Abstimmung mit den Ländern einen "Kulturfonds Energie" auf den Weg bringen, um Schließungen von Kultureinrichtungen zu vermeiden?

Sparen in der Krise: Auch die unter Denkmalschutz stehende Kunstvilla aus dem Jahr 1894 ist von der Schließung bedroht.

Auch die unter Denkmalschutz stehende Kunstvilla aus dem Jahr 1894 ist von der Schließung bedroht.

(Foto: Timm Schamberger/picture alliance/dpa)

Nürnbergs Kulturbürgermeisterin Julia Lehner gibt sich angesichts der vom Kämmerer vorgelegten Streichliste kämpferisch: Es treibe ihr bei allem Verständnis für die finanzielle Notlage der Stadt "nicht gerade Freudentränen in die Augen", dass gerade wieder bei der Kultur, deren Gelder zumeist aus "freiwilligen Leistungen" bestehen, gespart werden solle. Und sie verweist darauf, dass man infolge von Corona bereits von Plänen für ein neues Konzerthaus ebenso Abstand genommen habe wie von der Sanierung der Meistersingerhalle oder des Pellerhauses. "Doch wenn Institutionen einmal geschlossen wurden, bleiben die zu, auch wenn es wirtschaftlich wieder besser geht", fürchtet sie. Daher werde sie "einer Schließung der Kunsthalle und der Kunstvilla aufs Heftigste widersprechen". Beide seien kulturell bedeutsam für die Nürnberger Stadtgesellschaft: die Villa mit der fränkischen Galerie und ihrer Geschichte jüdischen Lebens in Nürnberg. Die Kunsthalle wegen der gezeigten zeitgenössischen Positionen und ihrer Strahlkraft auf die Kunstakademie. Kunsthalle wie Kunstvilla wurden in den vergangenen Jahren teils aufwendig saniert und umgebaut. Da fragt sich Lehner auch, ob man bei einer Schließung womöglich mit Rückforderungen von Fördergeldern rechnen müsse.

Sparen in der Krise: Ein Publikumsmagnet in Nürnberg: die "Blaue Nacht". Hier verfolgen die Besucher am Hauptmarkt auf der Rathaus-Fassade und der Frauenkirche die 3-D-Mapping-Installation "Elysium" der Künstlergruppe RE:SORB aus Berlin. Nachdem das Event wegen der Corona-Pandemie zwei Mal in Folge ausfallen musste, fand sie dieses Jahr unter dem Motto "Phantasie" wieder statt.

Ein Publikumsmagnet in Nürnberg: die "Blaue Nacht". Hier verfolgen die Besucher am Hauptmarkt auf der Rathaus-Fassade und der Frauenkirche die 3-D-Mapping-Installation "Elysium" der Künstlergruppe RE:SORB aus Berlin. Nachdem das Event wegen der Corona-Pandemie zwei Mal in Folge ausfallen musste, fand sie dieses Jahr unter dem Motto "Phantasie" wieder statt.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)
Sparen in der Krise: Auch das Nürnberger Bardentreffen zieht alljährlich Tausende Besucher an. Hier die Hauptbühne im Sommer 2017. Das Programm des kostenlosen Musikfestivals umfasste mehr als 90 Konzerte auf neun Live-Bühnen mit zusätzlich zahlreichen Straßenmusikanten und Einzelkünstlern.

Auch das Nürnberger Bardentreffen zieht alljährlich Tausende Besucher an. Hier die Hauptbühne im Sommer 2017. Das Programm des kostenlosen Musikfestivals umfasste mehr als 90 Konzerte auf neun Live-Bühnen mit zusätzlich zahlreichen Straßenmusikanten und Einzelkünstlern.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Im Hinblick auf die traditionsreichen und publikumsträchtigen Veranstaltungen wie die "Blaue Nacht", das Klassik Open Air oder das Bardentreffen weist Lehner einerseits auf die kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung hin: "Solche Begegnungen halten die Gesellschaft zusammen, und wir erreichen Menschen, die wir anderweitig nicht erreichen." Sie führt aber auch die Gewerbeeinnahmen im Bereich der Gastronomie und Hotellerie ins Felde: "Wenn beim Bardentreffen in drei Tagen 150 000 Besucher in die Stadt kommen, dann lassen die auch an anderer Stelle Geld da." Zudem sei Verlässlichkeit in der Planung der stark fremdfinanzierten Events wichtig für die Sponsoren, mit denen teilweise schon längst Verträge für die kommende Jahre abgeschlossen seien: "Bei einer Reduzierung springen uns die ab", fürchtet Lehner, "denn die wollen ja sichtbar bleiben." Kämmerer Riedel hält dagegen: Größere Abstände könnten auch einen positiven Effekt haben - die Leute würden sich umso mehr auf die Großereignisse freuen.

Insgesamt muss die Stadt Nürnberg nach der soeben vorgelegten Streichliste in allen Bereichen 50 Millionen Euro sparen. Davon entfallen 35 Millionen Euro auf das Personal und 15 Millionen Euro auf die sogenannte "Sparliste". Von den geplanten 500 Stellenstreichungen - es werde keine Kündigungen geben, betont Riedel, alles gehe über eine Wiederbesetzungssperre - würden auf die Kultur 62 Stellen entfallen, das entspräche 4,34 Millionen Euro. Der Anteil der Kultur an den geforderten 15 Millionen Euro auf der Sparliste soll 1,86 Millionen Euro betragen. Zusammen also 6,2 Millionen Euro. Die Kultur müsste nach den Vorschlägen des Kämmerers also gut zwölf Prozent des Einsparvolumens tragen, das in einem Stufenkonzept bis 2026 umgesetzt werden soll.

Darüber beraten wird erstmals am 17. November, bis dahin können veränderte Sparvorschläge eingebracht werden. Man wolle alles tun, um Schließungen zu vermeiden, heißt es nach ersten Gesprächen zwischen der Kulturbürgermeisterin und dem Kämmerer in Nürnberg.

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