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Zeitzeugen der NS-Zeit in München:"Für meine Umgebung war ich als Kind einfach Luft"

Ernst Grube in Dachau, 2012

Ernst Grube.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Ernst Grube, 82 Jahre

"Meine Geschwister und ich haben uns als Juden gefühlt, gerade weil wir deswegen ausgegrenzt wurden. Als kleineres Kind habe ich die größeren Zusammenhänge nicht verstanden. Aber ich spürte, dass etwas nicht stimmt. Ich erinnere mich auch an Hakenkreuzfahnen und SS-Uniformen in München, aber ich konnte dem keine Bedeutung zuordnen. Für mich war die totale gesellschaftliche Ablehnung schlimm. Für meine Umgebung war ich als Kind einfach Luft. Oder ich wurde angepöbelt von Nachbarskindern, die mich als 'Saujude' beschimpften.

Bis 1938 haben wir in einer Wohnung neben der Synagoge gelebt, die der israelitischen Kultusgemeinde gehörte. Nach dem Abbruch der Synagoge wurden die Wohnungen enteignet und, wie ich heute weiß, dem Lebensborn zur Verfügung gestellt. In Erinnerung ist mir, dass meine Familie zunächst dort geblieben ist, obwohl man uns Strom, Gas und Wasser abgedreht hatte.

Am 7. November brachten die Eltern uns Kinder - meinen Bruder Werner, meine vier Monte alte Schwester Ruth und mich - in das jüdisches Kinderheim in Schwabing.

Die übrig geblieben Kinder mussten ins Judenghetto

1942 wurde das Kinderheim in Schwabing aufgelöst, nachdem fast alle Kinder in Ghettos und Vernichtungslager deportiert und ermordet worden waren. Wir übriggebliebenen zehn Kinder mussten danach in das Judenghetto, in das Lager Milbertshofen. Ich erinnere mich, dass es dort kein Klo, sondern nur Latrinen gab, die von anderen Häftlingen geleert werden mussten. Es gab ein altes Kesselhaus in dem alte, teilweise verwirrte Menschen eingesperrt waren.

Sie hingen verzweifelt an den vergitterten Fenstern und schrien. Im Milbertshofener Lager gab es auch eine sogenannte Polenbaracke. Ich erinnere mich, dass die Bewacher einer polnischen Zwangsarbeiterin die Haare geschoren und sie durchs Lager gejagt haben. Das sind Szenen, die sich in meinem Gedächtnis eingebrannt haben. Nach Auflösung des Lagers in Milbertshofen im August 1942 kamen meine Geschwister und ich in die sogenannte 'Heimanlage für Juden' in Berg am Laim. Wir waren dort - wie in Milbertshofen - eingesperrt. Während wir im Antonienheim noch regelmäßig von den Eltern besucht wurden, gab es während dieser Lagerzeit, mit einer Ausnahme, keinen Kontakt zu den Eltern.

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Mein Vater und meine Mutter fanden nach mühsamer Suche zwei kleine Zimmer in Untermiete in der Innenstadt.

Nachdem auch dieses Judenghetto fast leer deportiert worden war, wurde es, weil nicht mehr rentabel, aufgelöst. Nur aus diesem Grund konnten wir Kinder im Frühjahr 1943 wieder zurück zu den Eltern.

Juden war der Zutritt zu Luftschutzbunkern verboten

Ab 1943 gab es immer häufiger Fliegerangriffe. Juden war jedoch der Schutz durch Aufenthalt in öffentlichen Bunkern verboten. Ich erinnere mich, dass die Sirenen heulten und ich mich mit anderen Menschen im Luisenbunker in Sicherheit bringen wollte. Doch man ließ mich nicht hinein. Ich habe mich dann im nahen Alten Botanischen Garten unter einem Strauch verkrochen. Als die Bomben fielen, habe ich vor Angst gebibbert.

Mein Vater war Malermeister, ein sehr strenger Mann. Ich war und bin (...) sehr stolz auf ihn. Er hat sich trotz massivem Drucks der Gestapo nicht von seiner jüdischen Frau scheiden lassen. Alle Maßnahmen, die gegen Juden in Kraft waren, trafen auch uns: Sterntragen, kein Schulbesuch, keine Benutzung öffentlicher Einrichtungen, Zwangsarbeit...

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Dadurch dass mein Vater so standhaft blieb, waren unsere Mutter und wir drei Kinder vorerst vor einer Deportation geschützt. Im Februar 1945 wurden wir dann doch noch ins KZ Theresienstadt deportiert. Meine Mutter ist dem Deportationsbefehl durch Krankmeldung nicht nachgekommen. Daraufhin wurden wir abgeholt und in die Gestapozentrale im Wittelsbacher Palais gebracht. Von dort ging es dann auf Transport. Der zurückbleibende Vater, sein Blick, das sind Momente, die im Gedächtnis bleiben.

Alle meine Verwandten mütterlicherseits, meine Tanten und Onkel, Cousinen und Cousins, insgesamt zehn Menschen, wurden nach Riga, Piaski und Izbica deportiert. Sie wurden dort in den Vernichtungslagern ermordet."