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"Die Stadt ohne":Mit Blick auf die heutigen Ausgrenzungs- und Hetzkampagnen

Wiederholt sich die Geschichte? Diese Frage wird auch mit Blick auf aktuelle Feindbilder in der Ausstellung "Die Stadt ohne" in differenzierter Weise verhandelt.

(Foto: Catherina Hess)

Im NS-Dokuzentrum zeigt eine neue Ausstellung, wie die Nazis erst die Gesellschaft polarisierten, um Juden dann ausgrenzen und schließlich ermorden zu können. Aber da bleibt sie nicht stehen und stellt Bezüge zur Gegenwart her.

Von Wolfgang Görl

In den Jahren 1937 und 1938 erhielt der Wiener Fotograf Robert Haas, einer der renommiertesten Meister seines Fachs, mehrere Aufträge, verlassene Wohnungen zu fotografieren. Auftraggeber waren jüdische Familien, die aus dem antisemitischen Hexenkessel, zu dem Wien geworden war, ins Exil geflohen waren. Haas wusste bestens, welche Schikanen, Demütigungen und Verfolgungen die Wiener Juden auch schon vor dem "Anschluss" an Nazi-Deutschland im März 1938 zu ertragen hatten. Er war selbst Jude. Nach zahllosen Teufeleien seitens der Behörden sowie staatlich verordneten Zugriffen auf sein Vermögen, die einer Ausraubung gleichkamen, gelang ihm im September 1938 die Flucht nach London. Zuvor hatte er noch, unauffällig und möglichst ohne bemerkt zu werden, die verlassenen Wohnungen fotografiert. Es sind beklemmende Bilder: Auf den ersten Blick scheinen sie Wohlstand zu dokumentieren. Man sieht geschmackvoll eingerichtete Salons, Stilmöbel, Lüster, gefüllte Bücherregale, Gemälde. Aber eines fehlt: Menschen. Es ist, als wäre eine Neutronenbombe abgeworfen worden. Alles Leben ist ausgelöscht, geblieben sind allein die unbelebten Dinge.

Die Kuratoren der Ausstellung, die in einer österreichischen Version zuerst in Wien gastierte: Barbara Staudinger, Andreas Brunner, Hannes Sulzenbacher.

(Foto: Catherina Hess)

Zu sehen sind die Fotos in der Ausstellung "Die Stadt ohne. Juden Ausländer Muslime Flüchtlinge", die das NS-Dokumentationszentrum bis zum 10. November zeigt. Die Bilder sind der Prolog zu dem, was diese hervorragend konzipierte Ausstellung als Entwicklungsprozess in mehreren Stationen schildert - ein Prolog, der von Leere und kulturellem Verlust spricht. In verdichteter Form zeigen die österreichischen Kuratoren Barbara Staudinger, Andreas Brunner und Hannes Sulzenbacher anhand historischer und aktueller Beispiele, wie eine zunehmende politische Polarisierung zur Spaltung der Gesellschaft führt, in deren Folge Minderheiten ausgegrenzt und am Ende gänzlich ausgeschlossen werden.

"Pogromly" hieß ein antisemitisches Spiel, das die NSU-Terroristen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt entworfen und vertrieben haben.

(Foto: Catherina Hess)

Mit Blick auf die gegenwärtig zu beobachtenden Ausgrenzungs- und Hetzkampagnen gegen Ausländer, Muslime oder Flüchtlinge schreiben die Kuratoren im Vorwort des Katalogs: "Die Ausstellung stellt die Frage, ob und inwiefern die gesellschaftliche Polarisierung zu Beginn des Aufstiegs des Nationalsozialismus mit unserer Gegenwart verglichen werden kann." Dabei zeigen die Ausstellungsmacher, dass die Methoden, mit denen völkische und rassistische Kräfte eine Minderheit stigmatisieren, einem Muster folgen, das in den Zwanziger- und Dreißigerjahren nicht viel anders aussah als heute. Dennoch erliegen die Kuratoren nicht der Versuchung, die gegenwärtige Entwicklung als Wiederholung der Weimarer Verhältnisse zu schildern. Was damals geschah und was heute geschieht, wird verglichen, doch keineswegs in platter Weise gleichgesetzt. Es bleibt Sache des Besuchers, Schlüsse zu ziehen und auch die Unterschiede zu bedenken. Waren die politischen Kräfte, die sich den Antisemiten in der Vergangenheit entgegenstellten, letztlich zu schwach, so darf man heute konstatieren, dass die Rassisten - noch - auf erheblichen gesellschaftlichen Widerstand stoßen.

Ausstellung "Die Stadt ohne"

Szenen aus der Verfilmung des Romans "Die Stadt ohne Juden" illustrieren die Mechanismen, mit denen eine Minderheit diffamiert, ausgegrenzt, für schädlich erklärt und schließlich vertrieben oder systematisch ermordet wird.

(Foto: Catherina Hess)

Gleichsam das Drehbuch der Ausstellung liefert der satirische Roman "Die Stadt ohne Juden", den der Wiener Schriftsteller Hugo Bettauer 1922 publiziert hat und den der Regisseur Hans Karl Breslauer zwei Jahre später verfilmte. Bettauer war Jude, er setzte sich unter anderem für die Frauenemanzipation und sexuelle Aufklärung ein, was ihn zum Lieblingsfeind von Kirche und Nationalisten machte. In seiner Satire auf den grassierenden Antisemitismus schildert er, wie das österreichische Parlament und der Bundeskanzler vorgeblich auf "Druck der Straße" beschließen, die jüdische Bevölkerung auszuweisen. Zuvor waren die Juden zu Sündenböcken für alle wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme gemacht worden, womit der Weg bereitet war, sie in mehreren Eskalationsstufen auszugrenzen. Nachdem man sie endlich herausgeworfen hat, stellt sich allerdings heraus, dass das ehedem kosmopolitische Wien in jeglicher Hinsicht zum dummen, öden Dorf geworden ist. Mit einer List gelingt es dem jüdischen Protagonisten, die Ausweisung rückgängig zu machen. Am Ende werden die zurückkehrenden Juden freudig begrüßt.

Hetzartikel des NS-Blatts "Der Stürmer" mit antisemitischer Spinnen-Karikatur

(Foto: Catherina Hess)

Man kann den Roman heute nicht so unbefangen lesen, wie es die etwa 250 000 Leser in den 1920er-Jahren konnten. Die Shoa auszublenden, ist unmöglich, und man hat den Eindruck, Bettauer habe geahnt, welche monströsen Verbrechen die Nazis an den Juden begehen würden. Ausgehend von einschlägigen Filmsequenzen zeigen die Kuratoren in immer enger werdenden Räumen, wie der Ausschlussmechanismus funktioniert. Es beginnt mit der Polarisierung, einer Phase, in der mittels Propaganda festgelegt wird, wer dazu gehört und wer nicht. Hier die guten Deutschen, da die hinterhältigen Juden - mit derartigen Stereotypen auf Plakaten oder in der Presse wird die Spaltung vorangetrieben. "Weg mit Judenherrschaft, Zinsknechtschaft und Schieberwirtschaft" steht beispielsweise auf einem Plakat von 1924. Dass Vorurteile und Stereotypen nicht auf die Vergangenheit beschränkt sind, kann der Besucher bei einem Mitmachspiel erfahren. Da soll er zeitgenössische Zitate einer Partei zuordnen, beispielsweise den Satz: "Wir werden uns gegen Zuwanderung in deutsche Sozialsysteme wehren - bis zur letzten Patrone." Aus welchen Reihen stammt das Zitat? CDU/CSU, FDP oder AfD? CSU wäre die richtige Antwort, Horst Seehofer hat dies gesagt.

Die "Judensau", eine Puppe, deren Rückseite einen jüdischen Händler zeigt

(Foto: Catherina Hess)

Ebenfalls bewährt hat sich die Praxis, eine Minderheit, seien es nun die Juden oder die Flüchtlinge, an allem, was schiefläuft, die Schuld zu geben. Der Jude, der wie eine Spinne das arglose deutsche Volk aussaugt, ist ein Stereotyp, dessen sich auch heutige Antisemiten gerne bedienen. Ähnliche Ressentiments schürt die Krake, die - das zeigt die Ausstellung ebenfalls - auch in einer Karikatur der Süddeutschen Zeitung auftauchte, in der es um den Facebook-Gründer Mark Zuckerberg ging.

Hat man die Minderheit erst einmal als gefährlich, zersetzend oder minderwertig deklariert, ist es nicht weit bis zum gänzlichen Empathieverlust. Dann gibt es kein Mitgefühl mehr, dann darf die Mehrheitsgesellschaft auf die als Schädlinge deklarierten Menschen losgehen - anfangs mit Worten, dann mit Gewalt. Am Ende steht der Ausschluss. Mit "Freifahrkarten nach Jerusalem" betrieben Antisemiten um 1900 eine zynische Kampagne. 2013 versandte die NPD an Politiker mit Migrationshintergrund "Rückflugtickets" in die "Heimat" - auch eine Form deutschnationaler Kontinuität.

"Unsere Heimat - unser Recht." Mit ausgrenzenden Parolen hetzt die "Legida", der Leipziger Ableger der "Pegida", gegen Flüchtlinge und Zuwanderer.

(Foto: Catherina Hess)

Hugo Bettauer, der sein Buch mit einem Happy End schloss, wurde selbst ein Opfer antisemitischer Hetzkampagnen. Im März 1925 wurde er von Otto Rothstock, einem Nationalsozialisten, niedergeschossen. Zwei Wochen später erlag er den Verletzungen. Bettauer war das erste Opfer des Nationalsozialismus in Österreich. Rothstock erhielt eine lächerlich geringe Strafe, noch 1977 sagte er in einem Fernsehinterview, er habe "immer ein gutes Gewissen gehabt".

Die Stadt ohne. Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum bis 10. November mit verschiedenen Zusatzveranstaltungen. Geöffnet Dienstag bis Sonntag von 10 bis 19 Uhr.

© SZ vom 31.05.2019/smb
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