9. November 1938:"Niemand schaute hin, niemand stellte Fragen"

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Anlässlich des 9. Novembers wurde namentlich an die Opfer der Pogromnacht 1938 erinnert. Zahlreiche Schülerinnen und Schüler des städtischen Luisengymnasiums wirkten daran mit. (Foto: Catherina Hess)

München erinnert an die Opfer der Reichspogromnacht und der Deportationen ins Konzentrationslager Theresienstadt. Erstmals findet die Lesung "Jeder Mensch hat einen Namen" im Alten Rathaus statt.

Von Martin Bernstein und René Hofmann

Hunderte Menschen haben am Mittwoch in München der Opfer der Pogromnacht von 1938 und der sich daran anschließenden Judenverfolgungen bis hin zum Holocaust gedacht. Erstmals fand die Lesung unter dem Motto "Jeder Mensch hat einen Namen" im Alten Rathaus statt - dort, wo am 9. November 1938 gegen 22 Uhr Joseph Goebbels mit einer Hetzrede vor NSDAP- und SA-Führern die organisierten Angriffe auf jüdische Privatpersonen, Geschäfte und Einrichtungen startete.

Am Abend des historischen Datums fand im Alten Rathaus auch der offizielle Gedenkakt statt, bei dem Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG), in einer sehr persönlichen Rede schilderte, wie sie als Sechsjährige die Pogromnacht erlebt hatte, sich fest an die Hand ihres Vaters klammernd: "Ich höre noch, wie das Glas klirrt und wie das brennende Holz knistert. Ich fühle noch meine Wut und mein Unverständnis darüber, dass vor meinen Augen eine Synagoge in Flammen steht." Knobloch mahnte: "Nur Geschichte, die sichtbar bleibt, bleibt auch Geschichte."

"Gemeinsam und mit Nachdruck" gehe es "darum, täglich aufs Neue gegen jedwede Form von Antisemitismus anzukämpfen und dabei neben allem anderen auch dafür einzustehen, dass die verschiedenartigen und sich durchaus wandelnden Erscheinungsformen von Judenfeindlichkeit klar erkannt und benannt werden, um konsequent dagegen vorzugehen", erklärte die Zweite Bürgermeisterin Kathrin Habenschaden (Die Grüne) bei der Gedenkveranstaltung im Namen des erkrankten Oberbürgermeisters Dieter Reiter (SPD). Sie erinnerte auch daran, dass die Gewalt am 9. November 1938 in München keine nennenswerten Proteste der Bevölkerung auslösten und es auch aktuell immer wieder antisemitische Vorfälle gebe.

Die Geschichte sichtbar zu halten: Darum war es an diesem Tag vielfach gegangen. Nach der Lesung der Opfernamen waren am Vormittag die Menschen - unter ihnen viele Schülerinnen und Schüler des städtischen Luisengymnasiums - schweigend durch die Münchner Altstadt zum Gedenkstein für die ehemalige Hauptsynagoge an der Maxburgstraße gezogen, die bereits im Juni 1938 als eines der ersten jüdischen Gotteshäuser in Deutschland von den Nationalsozialisten zerstört worden war. Dort wurden Steine zum Gedenken an die Ermordeten niedergelegt, Rabbiner Shmuel A. Brodman sang das Totengebet.

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Die Namenslesung im Alten Rathaus erinnerte in diesem Jahr an Patientinnen und Patienten, Pflegepersonal und Ärzte aus der Münchner Israelitischen Klinik, die vor 80 Jahren ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurden. Der Abtransport der zum Teil schwerstkranken Menschen erfolgte vom 3. bis zum 5. Juni 1942 am helllichten Tag in Möbelwagen. "Niemand schaute hin, niemand stellte Fragen", schrieb eine Augenzeugin. An das 1910 gegründete Krankenhaus an der Hermann-Schmid-Straße in der Münchner Ludwigsvorstadt erinnert heute ein Gedenkstein.

Zwischen Juni und August 1942 deportierten die Nazis 1195 Münchnerinnen und Münchner mit insgesamt 24 Transporten nach Theresienstadt. Die meisten der Deportierten gingen dort zugrunde oder wurden in Vernichtungslagern ermordet. So wie Karl Stahl, der damalige Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde. Der hochdekorierte Weltkriegsoffizier war bereits nach den Novemberpogromen von 1938 vorübergehend ins Konzentrationslager Dachau verschleppt worden. Mitte Juni 1942 wurden Stahl und seine Frau Luise nach Theresienstadt deportiert. Sie überlebten dort bis Oktober 1944. Nach ihrer erneuten Deportation wurden die beiden im Vernichtungslager Auschwitz umgebracht.

Aus dem Krankenhaus der Israelitischen Kultusgemeinde gibt es nur vier Überlebende

Münchens Polizeivizepräsident Michael Dibowski erinnerte bei der Namenslesung im Alten Rathaus an Stahls Leben und Leiden. Weitere Lesungsbeiträge kamen unter anderen vom Münchner Kulturreferenten Anton Biebl, von Stadtbrandrat Claudius Blank sowie den Schülerinnen und Schülern Acelya Abasiz, Tabea Barzen, Charlie Fechter, Ellen Graehl, Leonie Harles, Raquel Jenauth, Ida Kessner, Pauline Schmidt, Marie Sirch und Henry Wagner vom Städtischen Luisengymnasium.

Im Vorraum des Festsaals war zum Gedenktag eine Ausstellung aufgebaut, die acht Schülerinnen und Schüler des Luisengymnasiums vor einem Jahr initiiert haben. Die Jugendlichen rekonstruierten die Lebensläufe von ehemaligen jüdischen Schülerinnen, soweit dies aus den Akten der Täter in der Stadtverwaltung möglich war. Besuchten zu Beginn der NS-Diktatur noch 55 jüdische Mädchen die Schule, waren es im November 1938 noch fünf, die unmittelbar nach dem Novemberpogrom zwangsweise abgemeldet wurden. Ihnen gelang noch die rettende Emigration - anders als vielen anderen ehemaligen Schülerinnen, die im Warschauer Ghetto, in der Tötungsanstalt Hartheim oder im litauischen Kaunas ermordet wurden.

Unter den im Juni vor 80 Jahren nach Theresienstadt Verschleppten, an die am Mittwoch in München erinnert wurde, war auch der Filmregisseur Emil Rosenthal ("Kurt Rosen"). Der beinamputierte Weltkriegsteilnehmer befand sich, nachdem die Flucht ins Ausland gescheitert war, im Krankenhaus der Israelitischen Kultusgemeinde, als die Klinik aufgelöst wurde. Der damalige Chefarzt Julius Spanier, einer von nur vier Überlebenden, beschrieb die Szene später so: "Während des Abtransportes war die Hermann-Schmid-Straße für den Verkehr gesperrt, nur ein Major der Wehrmacht durfte die Straße passieren. Als dieser des unheimlichen Transportes ansichtig wurde, frug er die Oberin nach dem Grunde dieses merkwürdigen Vorgangs. Als er von ihr wahrheitsgemäß unterrichtet war, rief er voll Entsetzen und ungeachtet der umstehenden Gestapo und SS mit lauter und wohlvernehmbarer Stimme aus: 'Was? Kranke und sterbende Menschen? Ich schäme mich, ein Deutscher zu sein!'"

Das, was die Deportierten in Theresienstadt erwartete, führte am Abend Sybille Steinbacher in einem Gedenkvortrag im Alten Rathaussaal aus. Die Direktorin des Fritz-Bauer-Instituts und Inhaberin des Lehrstuhls für Geschichte und Wirkung des Holocaust an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main legte dar, wie die Nationalsozialisten den Mythos kreierten, Theresienstadt sei ein "Vorzugslager" gewesen, und schnitt den tatsächlichen Alltag hart dagegen: "Überall herrschte drangvolle Enge. Betten und Matratzen gab es nicht für alle, selbst Kranke mussten auf dem bloßen Betonboden liegen. Die hygienischen Verhältnisse waren erbärmlich. Krankheiten breiteten sich rasch aus. Dies auch, weil der Hunger allgegenwärtig war. Von den zugeteilten Essenrationen konnte niemand leben. Nur wer arbeitete, erhielt auch eine Essenszulage." Faktisch sei es "eine Durchgangsstation auf dem Weg in die Mordstätten" gewesen. Von den 39 Deportationstransporten aus München hätten 33 dort hingeführt, mit insgesamt etwa 1400 Personen.

Eines der Opfer: die Großmutter von Charlotte Knobloch. "Sie nahm den Platz auf dem Transport ein, damit ich das nicht tun musste. Ich wurde gerettet, weil sie sich opferte", so die IKG-Präsidentin. "Meine Dankbarkeit für diese Selbstlosigkeit ist auch 80 Jahre danach größer als ein Leben. Noch größer als der Dank ist aber die Trauer darüber, dass Menschen wie meine Großmutter dazu gezwungen wurden, eine solche unmögliche Entscheidung überhaupt zu treffen."

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