Literatur:Zähere Nähen

Literatur: "Noise unter der Sonne" und Neues von der Nacht: Die Münchner Lyriker Nora Zapf und Àxel Sanjosé sowie der Augsburger Lyriker Gerald Fiebig setzen sich mit Traditionen auseinander - und sind dabei ganz im Heute.

"Noise unter der Sonne" und Neues von der Nacht: Die Münchner Lyriker Nora Zapf und Àxel Sanjosé sowie der Augsburger Lyriker Gerald Fiebig setzen sich mit Traditionen auseinander - und sind dabei ganz im Heute.

(Foto: aw)

Was die Lyriker Nora Zapf, Àxel Sanjosé und Gerald Fiebig über die Gegenwart zu sagen haben.

Von Antje Weber, München, Augsburg

"Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" - dieses Bild des Malers Francisco de Goya stand am Anfang. Dass die Münchner Lyrikerin Nora Zapf damit im vergangenen Winter einen Text über die pandemische Situation der Künstler für die SZ beginnen ließ, war kein Zufall. Denn in ihrem inzwischen erschienenen neuen Gedichtband geht es genau darum: um den Schlaf. Um "Nachtgefangene", die in ihre Träume hinabsteigen, um dort Regionen zu erkunden, die mit der Vernunft nicht immer leicht zu erklären sind.

Das gilt schon für den Titel: "Dioden, wie es Nacht (vierhändig)", steht auf dem Band, der in der Parasitenpresse erschienen ist. So kompliziert das auch klingt - Nora Zapf liebt solche gewagten Konstruktionen -, kann man ihre Absichten doch zumindest erahnen: Dioden werden zur Gleichrichtung, zur Umwandlung von Wechselspannung in Gleichspannung eingesetzt. Nimmt man die Nacht als Grundthema dazu und denkt sich den Lyrikband als eine Art vierhändige Etüde, dann könnte man zum Schluss kommen: Hier versucht jemand, von wechselnden Anspannungen zu einem entspannten Gleichmaß zu finden.

Dem lyrischen Ich, von Schlaflosigkeit gequält, fällt das nicht leicht. In mehreren, formal unterschiedlichen Langgedichten gleiten die Leser mit der Autorin durch wechselnde Nachtphasen und auch mal Fieberträume. Das schlägt sich in entsprechend unruhigen Texten mit unterschiedlichen Schriftgrößen, Fettungen und Sprachen-Einsprengseln nieder, durchzuckt von immer neuen Assoziationen zwischen "Mürigkeit" und "Umwachtung". Wer in seinem Leben solche Zustände kennt, wird die geradezu elegisch zusammengehaltenen Gedankensplitter mit anderer, sozusagen somnambul verschwommener Wahrnehmung lesen. Und wer kleine Kinder hat - ein Baby taucht immer wieder mal im Text auf -, weiß sicherlich auch, wovon die Autorin schreibt.

Immer wieder gelingen Nora Zapf dabei schöne Bilder, zum Beispiel das von der "Angst verlorenzugehen wie ein Saxophon / im seichtesten Jazz". Immer wieder wird auch deutlich, wie ambitioniert sich diese Autorin, mit ihren literarischen Mitteln ganz in der Gegenwart, an der Tradition abarbeitet. Die mittelalterliche Dichterin Sor Juana wird gleich zu Beginn aufgerufen, gegen Ende ist es Hölderlins Eremit Hyperion, zum Beispiel, und da fällt dann auch das Wort "Quarantäne", bei dem man derzeit ja doch aufhorcht, und es ist die Rede von Menschen, die "am Fenster im Hof sich und einander" begegnen.

"Klumpluft" und andere Widrigkeiten

Auch der Münchner Lyriker Àxel Sanjosé huldigt Hölderlin in seinen neuen Gedichten: "Der Hölderlinturmbau zu Babel" heißt ein Zyklus in seinem kürzlich erschienenen Band "Das fünfte Nichts" (Rimbaud Verlag). Sanjosé ist eher ein Meister der kurzen, verknappten Form. In den vermutlich aktuellsten Gedichten des Bandes am Anfang fällt auch bei ihm das Wort "Häftlinge", die in eine bleiche März-Sonne blinzeln. Und auch in das Gedicht "Juli (Abwesenheit des Nichts)" möchte man, obwohl unausgesprochen, ein pandemisches Stimmungsbild hineinlesen: Von "Klumpluft" ist die Rede, es geht um "zähere Nähen", und die Tage schieben sich "ineinander wie / kopulierende Hunde".

Da kann man nur mit Gerald Fiebig sagen: "hör, lies". Der Gedichtband "motörhead klopstöck" des Augsburger Autors und Musikers, bereits im vergangenen Jahr in der Parasitenpresse erschienen, zeigt auf köstliche Weise, wie man verspielt mit der Tradition umgehen kann. Das Titelgedicht "Odenströphen (Motörhead Klopstöck)" bringt schon im Titel in schön alberner Assonanz eine Rockband und den Dichter Klopstock zusammen. Mit den ersten Wörtern ",palim palim'psest" macht Fiebig dann endgültig klar, dass er Populärkultur mit Bildungswissen zu verschmelzen gedenkt. Wenn dieser Dichter mit Altem und Neuem, mit Gegensätzen und Gleichklängen spielt, ist das immer wieder lustig ("VODAFONE nichts übrig bleibt"). Und so drückt man auch bei etwas schmerzhafter Genderkritik "die äugin" zu. Es ist ja nicht das Einzige, was dieser und andere Lyriker und Lyrikerinnen als "NOISE UNTER DER SONNE" bieten.

© SZ/chj
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