Meine Woche beginnt mit einem sonntäglichen Blick in zwei Kalender, den dienstlichen und den privaten. Im privaten trage ich alles noch händisch ein, also bildet sich mein Leben vor mir ab, meine Pläne und Wünsche. Die Geburtstage von Freunden und Familienmitgliedern, Erinnerungen an wichtige Telefonate und Besorgungen halte ich fest. Dabei ist etwas ganz Neues in meinem Leben erst seit Kurzem eingetreten: Ich habe, gefühlt, wieder etwas Zeit gewonnen. Mein Vater, den mein Bruder Stefan und ich längere Zeit intensiv umsorgt haben, ist gestorben. Ich betrachte derzeit oft meine Nachmittagsstunden als wiedergewonnenen Luxus. Sie gehörten fast vier Jahre lang meinem Vater, den ich täglich für Stunden aufsuchte. Jeder, der pflegt, kennt das. Es ist wichtige, sehr anstrengende Arbeit und man wird einsam um den anderen herum. Mit Papas Tod ist auch dieser Bann gelöst. Ich kann es nicht anders sagen.
Montag: Hörnla und Kürbissuppe

Ich beginne den Tag in Bamberg mit einem Frühstück beim preisgekrönten Bäcker Seel. Der hat schon ab 5.45 Uhr geöffnet und da kann ich in Ruhe die Zeitungen für das Künstlerhaus-Büro lesen und Notizen machen. Bei Seel empfehlen sich die Hörnla – nicht zu verwechseln mit den Hörnla-Kartoffeln, die man sich im Frühjahr zum Spargel gönnt – und natürlich die Käsestangen, die wir auch im Künstlerhaus nach unseren Veranstaltungen reichen. Nach meinem Dienst gehe ich für gewöhnlich einen Espresso trinken und mache mich zum Schreiben auf in die hervorragend sortierte Unibibliothek meiner Alma Mater, der Otto-Friedrich-Universität. Dort hocke und lese, schreibe und denke ich, bis mir nichts mehr einfällt. Manchmal gibt’s noch ein Seminar oder einen Vortrag. Da stehle ich mich kurz entschlossen hinein. Zuhause gibt’s dann ganz unglamourös aufgetaute leckere Kürbissuppe aus Kürbissen vom Feld in Priegendorf.
Dienstag: Welt aus Sprachen
Am Dienstag plane ich, von Mittag an die neue Ausstellung im „Sulzbach-Rosenberg Archiv und Literaturmuseum“ zu besuchen. Wenn die Übersetzer dieses Jahrgangs, Gerhard Maier und Caglar Tanyeri, aufgelegt sind, weiß ich mich bestens begleitet. Wir sehen uns die Ausstellung „Welt aus Sprachen – Literatur Übersetzen“ an. Mein Morgen allerdings, der wird schwimmend begonnen. Das kann man ab 6.30 Uhr im Bambados, ja, so heißt das Schwimmbad Bambergs. Ich kraule und übe die Wende mit Überschlag, nehme hin und wieder eine Schwimmstunde, um meinen Stil zu verbessern.
Mittwoch: Coole Museen

Weil den Stipendiaten des Freistaats Bayern die Ausflüge oft sehr gut gefallen, miete ich heute ein Auto und fahre mit allen, die sich in der „Villa Concordia“-WhatsApp-Gruppe gemeldet haben, nach Schwarzenbach an der Saale, um das Comicmuseum zu Ehren der großen Erika Fuchs, der Übersetzerin der legendären „Carl Bark’s Lustigen Taschenbücher“, stolz vorzuzeigen. Ich bin in der Gegend aufgewachsen, weise also auch auf die von Ehrenamtlichen gepflegte Gedenkstätte zum „Langen Marsch“ hin und wir besuchen den Skulpturenpark vor dem Rehauer Kunsthaus, den Eugen Gomringer über 28 Jahre in Zusammenarbeit mit der Stadt hat gedeihen lassen. Nur ein paar Schritte daneben liegen meine Eltern begraben. Sie haben einen außergewöhnlichen Grabstein. Ich lade ein, diesen zu betrachten, und dann geht’s zurück nach Bamberg.

Wenn wir’s zeitlich gut schaffen, schauen wir vielleicht noch im Atelier des Neudrossenfelder Künstlers Roland Schön vorbei. Der macht ganz wunderbare große und kleine malerische und bildnerische Arbeiten. Ich mache mir eine „mental note“, dass man für den Besuch des Porzellanikons und überhaupt die ganze Porzellan-Welt in Selb mindestens einen Tag brauchen wird bei einem nächsten Ausflug nach „Bayrisch Sibirien“ – und daran gehängt einen Abstecher in die Oberpfalz nach Amberg, ins Luftmuseum zum Beispiel. Neben dem Diözesanmuseum Freising vielleicht das coolste Museum in Bayern. In Amberg darf ich seit fünf Jahren das Format „Tinte & Terz“ kuratieren und immer einen Autor und einen musikalischen Act einladen, die ich dann moderiere. Ich kenne die Stadt also schon ein wenig. Lauter gut gelaunte, herzliche Leute da!
Donnerstag: Schwarze Kinosatire

Heute darf ich zum Glück schon ganz früh beim Friseursalon Amalina anklopfen, und so starte ich geglättet in den Tag. Das ist wichtig, weil zu meinem neuen Buch einige Termine kommen, die mich vor Kameras stellen. Und wir alle wissen: Bild bleibt. Also versuche ich mich bei Denis Scheck und Andy Ammer, mit denen ich für die ARD-Literatursendung „Druckfrisch“ drehe, gut auszusehen, kluge Dinge zu antworten zum Text, den ich nach dem Credo meiner Mutter betitelt habe: „Am Meerschwein übt das Kind den Tod – Ein Nachrough“. Gedreht wird in München, also fahre ich mit dem Zug hin, verabrede mich zum späteren Abendessen mit der Dichterin Volha Hapeyeva, die gerade ihr Stipendium in der Schweiz unterbricht, und wir überlegen, ins Kino zu gehen. Für mich: Immer ein Horrorfilm! Für uns dann aber eher als Kompromiss: „Zweigstelle“, die viel gelobte Komödie zum After-Life.
Freitag: Hommage an Susan Sontag

Freitags wache ich dann in München auf, die gute Vorplanung verdanke ich meiner Assistentin, die mich seit über einer Dekade begleitet, besuche Elisabeth Donoughe im Ministerium, berichte ihr von unseren deutschen und türkischen Jahresgästen im Künstlerhaus, ihren Ausstellungen, Lesungen und Vorstellungsabenden und eruiere, ob das Online-Literaturportal Platz für ein paar Berichte unserer Stipendiaten bietet. Ich esse ein Stück Quiche zu Mittag in der Brasserie „Oskar Maria“ und sehe mir noch die laufende Ausstellung im Literaturhaus an. „Susan Sontag“ irritiert und fasziniert, und so fahre ich voller Bilder und Gesprächseindrücke wieder nach Bamberg, wo ich den Rest des Tages und den halben Abend im Büro aufhole, was ich verpasst habe. Dann drehe ich noch kurz ein Reel für meinen privaten Insta-Account, versende signierte Buchexemplare mit Autogrammkarten und sende Fotos an die Social-Media-Beauftragte des Künstlerhauses: swipe-and-like. Sie wird alles meisterlich fügen.
Samstag: Tolles Ausflugsziel

Der Samstag beginnt mit Morgenschwimmen und etwas Krafttraining. Ich versuche immer so viel zu machen, dass ich auch am nächsten Tag noch Lust auf dasselbe Programm hätte. Ich will kein Jojo mehr sein, also bin ich gut zu mir und arbeite sanfter mit Geist und Körper. Den Tag verbringe ich dann mit meinem Mann, der zur Mittagszeit aus Frankfurt angereist kommt.
Wir gehen zum „Greifenklau“ und hocken eingemummelt im herbstlichen Biergarten. Ich trinke keinen Alkohol, genieße aber die Expertise meines Mannes, der mir von Geschmacksnoten des Bieres einiges zu erzählen weiß. Dann ein langer Spaziergang auf der Altenburg, von der man auf ganz Bamberg schauen kann. Ein tolles Ausflugsziel! Am frühen Abend besuche ich dann die Vorabendmesse und er geht schon mal nach Hause. Wir planen, am nächsten Morgen nach Staffelstein in die Therme zu fahren, also muss ich vom Carsharing ein Auto bestellen und die Handtücher müssen gepackt werden.
Sonntag: Sauna und ein Horrorfilm
Wir schlafen aus, schnappen dann unsere Saunataschen und besteigen das bei „Ökobil“ für ein paar Stunden gemietete Auto. Sauna am Sonntag fühlt sich nach Gottes Wille an. Wir bleiben bis in den Nachmittag und lassen uns abwechselnd bedampfen, heißluftgrillen und abkühlen. Zum etwas traurigen Wochenabschluss fahre ich meinen Mann zum Bahnhof, da er zurück nach Hessen muss, und ich setze mich in die Bar vom Lichtspiel-Kino, blättere in meinem Kalender, betrachte die Ausstellung, die sie da gerade zeigen und gehe dann doch noch in einen Horrorfilm. Wetten?
Die deutsch-schweizerische Schriftstellerin Nora Gomringer, Jahrgang 1980, ist äußerst vielseitig: Sie begann als Poetry Slammerin, veröffentlichte zahlreiche Gedichtbände, hat unter anderem Opern-Libretti geschrieben, macht Poesiefilme, singt und performt. In ihrem kürzlich erschienenen Buch „Am Meerschwein übt das Kind den Tod“ (Voland & Quist) erzählt sie vom Leben und Sterben ihrer Mutter. Seit 2010 ist Nora Gomringer außerdem Direktorin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia des Freistaats Bayern in Bamberg. Gomringer wurde bereits vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und zuletzt mit dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor; dazu ist sie frisch gebackene Trägerin der Auszeichnung „Pro meritis scientiae et litterarum“ des Freistaats. Ihr Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.

