Nockherberg-Singspiel Markus Söder hat sich das Ego verkleinern lassen

Das große Wir zählt: Markus Söder (Stephan Zinner) und Hubert Aiwanger (Florian Fischer) im Nockherberg-Singspiel.

(Foto: Florian Peljak)

Zumindest will er im Singspiel beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg wirken wie ein anderer Mensch. Und dann sind da noch Marianne und Michael.

Von Wolfgang Görl

Geigenklänge und Bläser. Die Anfangsmusik des Singspiels "Das kleine Glück", das beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg auf Maxi Schafroths Fastenpredigt folgt, erinnert an schnulzige Filmmusik der Fünfzigerjahre. Eine Bar ist zu sehen, ein altes Heizungsmonstrum, und in der Mitte des großen gekachelten Raums steht ein Springbrunnen. Ganz hinten ein Fenster, hinter dem der Hofgarten erscheint. Aha, dies hier ist die Staatskanzlei, ein verwahrloster Fitnessraum im Keller. Und da steht auch schon Horst Seehofer (Christoph Zrenner) und sucht seinen Turnbeutel - der Running Gag des Abends.

Es ist das zweite Singspiel, das Richard Oehmann und Stefan Betz auf dem Nockherberg inszenieren, und sie haben es jetzt mit einer veränderten politischen Konstellation zu tun. Seehofer, beim Singspiel im vergangenen Jahr noch Boss einer Cowboy-Bande, ist heute ein bedauernswerter Turnbeutelverschlamper, den alle ignorieren, während Söder (Stephan Zinner), 2018 das präpotente Großmaul El Marco, diesmal als weichgespülter Sunnyboy im lila Jogginganzug auf die Bühne stürmt und herzerfrischend singt. "Und eines muss klar sein, wenn Zwietracht uns droht, dann ist doch die Liebe das erste Gebot."

Nockherberg-Rede

"Die bayerische Familie hat drei Geschlechter: Mann, Frau, Thermomix"

Kaum hat er angefangen, pirscht sich schon Hubert Aiwanger (Florian Fischer), heran und stimmt mit ein: "Vorne bist du ganz allein, wo der Wind am stärksten bläst." Söder, so tut er jedenfalls, ist ein ganz anderer Mensch geworden: "Lässiger und jünger und weiblicher und Bienenfreund." Vor allem aber hat er sich das Ego verkleinern lassen, "das war schon ein größerer Eingriff", der allerdings eine kleine Nebenwirkung hat. Söder kann jetzt nicht mehr "Ich" sagen, stattdessen muss er sich mit "Wir" behelfen. Die Körpersprache - Zinner spielt das großartig - verrät jedoch anderes. So wie er herumtänzelt sieht jeder: Der ist selbstgefällig und selbstverliebt wie eh und je. Der ist ganz der Alte.

Aber warum ist der Mann so gut drauf? Was ist sein Geheimnis? Das möchte Aiwanger gerne wissen, aber da gibt sich Söder verschlossen - vorläufig. Erst einmal rumpelt Andrea Nahles (Nikola Norgauer) in den Wellnessraum, im Schlepptau ihren Parteifreund und Münchner Oberbürger Dieter Reiter (Gerhard Wittmann). Nahles ist eine Furie, die auf gewählte Ausdrucksweise keinen Wert legt: "Wir sind kompetent, empathisch, sensibel und völlig am Arsch."

Auch sie will wissen, warum der Söder, den keiner mag, so erfolgreich ist. Die Antwort ist im Spind versteckt: ein Wesen mit Zottelpelz, halb Yeti, halb Aff. Wimmernd kommt es heraus, von Söder hart an der Leine geführt. Es ist das Dusel (Gerd Lohmeyer), Söders Dusel. Und es möchte weg von seinem Herrn und Meister: "Ich bin doch kein Privatdusel für karrieregeile Streber. Ich gehöre der Allgemeinheit. Ich bin das Bayerndusel." Woraufhin das Musikantenstadl-Traumpaar Marianne und Michael - keine Doubles, die echten - auftaucht und honigsüß das Lied vom glücklichen Bayernland trällert.

"Autoschmuser-Andi" glaubt, die Autobosse über den Tisch gezogen zu haben

Das Dusel hätten natürlich alle gern, die Jagd nach ihm ist so etwas wie der Kern der aberwitzigen Handlung. Verkehrsminister Scheuer (Stefan Murr), der "Autoschmuser-Andi", ist ein schnöseliger Partyhengst, der fälschlicherweise glaubt, die Autobosse über den Tisch gezogen zu haben. Und Katharina Schulze (Sina Reiß) gefällt sich als ewig Selfies schießendes Always-happy-Girl, das der SPD ein scheinheiliges Abschiedslied singt: "Ach, dein Schicksal, SPD / tut mir tief im Herzen weh. / Das Grüne wächst, das Rote geht, / weil die Welt sich weiterdreht."

Traditionell treffen nach dem Singspiel auf dem Nockherberg Politiker auf ihre Doubles: Grünen-Politikerin Katharina Schulze und Sina Reiß.

(Foto: Florian Peljak)

Angela Merkel (Antonia von Romatowski) wiederum braucht das Dusel nicht unbedingt, sie hat ein anderes Erfolgsrezept: "Innenpolitisch mach ich nix, und außenpolitisch umgeb ich mich mit Arschgeigen."

Es gibt, neben ein paar Längen, viele lustige Momente in diesem Singspiel, am schönsten aber sind die Musikszenen. Tobias Weber hat die Songs komponiert, und wenn Zinners Söder einen Blues röhrt, hört man den Mississippi rauschen. Oder die wunderbare Szene, als Andrea Nahles in der Badewanne sitzt, zusammen mit einer roten SPD-Ente, und wütend singt: "Links liegt die Bürste und rechts das Shampoo / Ich sitz in der Wanne und frag mich 'Wozu?' / Könnt mich ja waschen, doch mein Herz ist so schwer / Die Ente quietscht nicht mehr." Gewiss, das ist nicht besonders politisch, aber herrlich albern.

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