Nockherberg-Singspiel:Sturm in Seehofers Oberstübchen

Ilse Aigner als Showgirl, Karl-Theodor zu Guttenberg als supercooler Schwätzer und ein zweigeteilter Toni Hofreiter: Die besten Szenen aus dem Singspiel auf dem Nockherberg.

Von Wolfgang Görl und Stefan Simon

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Starkbierprobe auf dem Nockherberg

Quelle: Tobias Hase/dpa

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Unheilverheißend beginnt das Singspiel auf dem Nockherberg. Nebelschwaden, düstere Kulisse. Ministerpräsident Horst Seehofer (Christoph Zrenner, 2. v.r.) hampelt in seinem Hobbyraum herum, wo er seine Modelleisenbahn, ein Bayern im Miniaturformat, aufgebaut hat. Aber man kann auch in Seehofers Kopf blicken. Dort, in der oberen Bühnenetage, ist der Oberhirnrat Überichhofer (Paul Kaiser, links) tätig, der für Seehofers Vernunftentscheidungen zuständig ist. Und auch der Herr Eshofer (Maxi Schafroth, rechts), der "Gefühls- und Sentimentverwalter", treibt hier sein Wesen.

Aus dem Off tönt eine Stimme: "2016 war in Europa ein Gewitter im Anzug. Unheilvolle Aussichten sorgten im gemeinen Volk wie auch in den Köpfen der Entscheidungsträger für angstgetränkte Ratlosigkeit und hektischen Aktionismus. Der Wetterbericht verdrängte alle herkömmlichen Nachrichten". Drei Frauen im Badekostüm singen: "A Wind kimmt vo rechts, und er bringt wos daher..."

Starkbierprobe auf dem Nockherberg

Quelle: Tobias Hase/dpa

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Drei Seehofer? Davon hatte (der echte) Markus Söder vor der Starkbierprobe auch schon gehört: "Mir reicht eigentlich schon einer." Auf der Bühne bekommen es Überichhofer und Eshofer bald mit Ilse Aigner (Angela Ascher) zu tun, die sich von ihrem Chef vernachlässigt fühlt. Später legt die frustrierte Ilse noch eine fulminante Showgirl-Nummer hin, bei der sie, frei nach Nina Hagen, schmettert: "Ihr habt die Ilse vergessen, samt ihrer Seel', jetzt gebt doch endlich zu, dass ich euch fehl'."

Starkbierprobe auf dem Nockherberg

Quelle: dpa

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Trotzdem ahnt man gleich: "Brain- Sturm", das Salvator-Spiel aus der Feder von Thomas Lienenlüke, inszeniert von Marcus H. Rosenmüller, wird keine ausschließlich lustige Derblecker-Schmonzette. Dazu sind die Zeiten zu ernst. Der Syrienkrieg, die Flüchtlinge, die Toten im Mittelmeer, das zerstrittene Europa, der aufkeimende Nationalismus, Pegida, brennende Unterkünfte, der Hass - soviel Starkbier kann keiner trinken, um das alles zu vergessen.

Auch einem guten Singspiel-Regisseur bleibt da gar nichts anderes übrig, als mehr zu bringen als nur ein paar Schadenfreude hervorrufende Politiker-Parodien. Rosenmüller und Lienenlüke wissen das, und - es ist unübersehbar - sie setzen noch mehr als bei ihren bisherigen Nockherberg-Stücken auf theatrale Mittel.

Im Bild: Antonia von Romatowski als Angela Merkel und Wowo Habdank als Anton Hofreiter - mit aussagekräftigem Demonstrierwerkzeug.

Starkbierprobe auf dem Nockherberg

Quelle: dpa

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Text und Bühnenbild, Kostüme und Musik sprechen Bände. Warum zum Beispiel stecken die Sängerinnen in Badeanzügen aus den Zwanzigerjahren? Wie war das damals? Einerseits die ungezügelte Lebenslust der Weimarer Jahre, der Tanz auf dem Vulkan, andererseits das Aufkommen der Nazis, die dräuende Katastrophe - ist es heute wieder so weit?

In Seehofers Hobbyraum ebenso wie in seinem Oberstübchen macht sich indessen Ratlosigkeit breit. Draußen braut sich was zusammen, Seehofer schwant Übles: "Gar Fremdes drückt herein ins Bayernreich und will wahrscheinlich mir mein Land entreißen."

Im Bild: Der zurückgekehrte und ebenfalls im Seehoferschen Hirn gastierende Karl-Theodor zu Guttenberg (Stefan Murr) samt Sängerinnen (Susanne Wiesner, Christina Wiesholzer und Michaela Brückner)

München: Nockherberg - Starkbieranstich

Quelle: Johannes Simon

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Ebenso besorgt, aber auch nicht viel schlauer sind die Politiker, die nach und nach in den Seehofer'schen Kosmos eindringen. Da ist Angela Merkel (Antonia von Romatowski), die später eine Gutmenschen-Demonstration anführt und enthusiastisch singt: "Ihr liebt mich nicht, ich lieb euch schon", getextet auf den Neue-Deutsche-Welle-Hit "Da da da" von Trio.

"Drum steh ich hier und kann nicht anders. Wir schaffen das", singt sie noch, dann geht es in einer Zwangsjacke ab hinter die Bühne.

Starkbierprobe auf dem Nockherberg

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Seehofer hat ihr zuvor vorgehalten: "Angela, ich sag Dir was - der europäische Gedanke, das ist wie ein Probeabo - solange die Zeitschrift nix kostet, finden sie alle gut - aber das Probeabo ist jetzt abgelaufen. Und Du hast vergessen, zu kündigen." Die beiden Figuren brüllen sich regelrecht an, ein irgendwie verstörender Moment.

Starkbierprobe auf dem Nockherberg

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In Seehofers Keller ist aber auch noch der Sicherheitsfanatiker Joachim Herrmann (Michael Vogtmann), der am liebsten die Alpen wie eine Mauer rund um Bayern ziehen möchte; da ist der intrigante Söder (Stefan Zinner), der schon immer gesagt hat, "Bayern braucht eine neue Spitze"; da ist Sigmar Gabriel (Thomas Wenke), der in Bayern Asyl sucht und in die CSU eintreten will, weil "hier die Obergrenze an Sozialdemokraten noch nicht erreicht ist".

Im Bild: Michael Vogtmann als Joachim Herrmann (l) und Gerhard Wittmann als Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter.

München: Nockherberg - Starkbieranstich

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Auch Karl-Theodor zu Guttenberg ist wieder da (herrlich blasiert: Stefan Murr), der sich mit amerikanischen Business-Geschwätz als supercooler Global Player geriert: "I'm a master in googeling, doodeling, twittering and tindering. Und ich kann definitly sagen: Yes we have ... ein solches Problem."

Dass Söder in den Ring-of-Fire-Coversong von Guttenberg einsteigt, ist einerseits erwartbar, funktioniert andererseits aber unerwartet gut. Der eine singt von den großen Fischen, die man nicht in Bayern fängt, der andere von den Fischen, die er im Teich rechts von sich fangen will. "Drum beiß, beiß, beiß in den Köder vom Markus Söder".

Im Bild: Söder, der mit der Taschenlampe in Seehofers Ohr leuchtet - und daraus auch nicht schlauer wird. Und Sigmar Gabriel, der am Ende doch kein CSU-Mitglied wird.

München: Nockherberg - Starkbieranstich

Quelle: Johannes Simon

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In Seehofers Oberstübchen ist einiges los. Ursula von der Leyen (Nikola Norgauer) hat einen Asylbewerber aufgenommen: "Also, uns war es wichtig, dass es ein ganz normaler Durchschnittsflüchtling ist, wir haben da ja Monate suchen lassen. Aber der ist jetzt sehr gut integriert."

Starkbierprobe auf dem Nockherberg

Quelle: Tobias Hase/dpa

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Die Verteidigungsministerin gerät in Streit mit Anton Hofreiter (Wowo Habdank), den es vor Ärger schier zerreißt. "Flüchtlingsjunge! Flüchtlingsjunge! Hat der auch einen Namen?", fragt er, und von der Leyen antwortet: "Ja, natürlich, da gehe ich stark von aus!"

Starkbierprobe auf dem Nockherberg

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Der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (links, und sein Double Gerhard Wittmann, rechts) bringt ein Geschenk für Seehofer: ein Asylbewerberheim für seine Modelleisenbahnanlage, gebastelt von zwei dankbaren Syrern. "Nein, nein, da geht's nicht", protestiert Herrmann, egal, wo Reiter das Gebäuder platzieren will, und erklärt: "Weil man im Keller keine leicht entflammbaren Gegenstände lagern darf." Im Saal herrscht nachdenkliches Schweigen. Die Tonregie spielt Gonnergrollen ein.

München: Nockherberg - Starkbieranstich

Quelle: Johannes Simon

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Rosenmüller und Lienenlüke haben eine teils beklemmende, teils komische Groteske auf die Bühne gebracht, die den Irrwitz der Gegenwart kenntlich macht. So ernst die Sache auch ist, das Spiel - und so funktioniert gute Satire - ist kein staubtrockenes Lehrstück, sondern höchst unterhaltsam, nicht zuletzt wegen der großartigen Musik von Gerd Baumann und Sebastian Horn. Schade, dass die Truppe damit nicht auf Tournee geht.

München: Nockherberg - Starkbieranstich

Quelle: Johannes Simon

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Am Ende braust Sturm los, ein Blitz schlägt ein, und nach einer vorübergehenden Katharsis stimmen alle das alte Lied an: "Bla bla bla ..." - das wie immer ein versöhnliches "Prosit der Gemütlichkeit mündet".

© SZ.de/infu
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