Nockherberg-Reaktionen "Über die AfD kann man eben einfach nichts Lustiges machen"

Doppelter Söder, doppelter Aiwanger: Nach dem Singspiel treffen Original und Kopie aufeinander.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

Wie kommt der neue Fastenprediger Maxi Schafroth auf dem Nockherberg an? Wie das Singspiel? Und wieso sagt Markus Söders Frau, er sei ein guter Schauspieler? Die Reaktionen aus dem Saal.

Von Philipp Crone, Lisa Schnell und Wolfgang Wittl

Was für ein Moment für Markus Söder! Endlich sitzt er nicht nur in der ersten Reihe beim Nockherberg, sondern ist auch die Nummer eins im Land. Lange hat er darauf gewartet, jetzt scheint alles zu passen. Der Defiliermarsch wird gespielt - wie es sich für einen Ministerpräsidenten gehört, die Fotografen drängeln sich um ihn.

Aber was ist das? Auf einmal werden die Fotografen immer weniger. Ein anderer scheint sie anzuziehen: Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer. Weil er zum ersten mal im Singspiel mit dabei ist? Oder weil er gerade neu liiert ist? Vielleicht hat er ja seine Freundin dabei. Neben ihm sitzt zumindest eine Frau, die in Bayern vielleicht nicht alle kennen. Es ist Katarina Barley, die Spitzenkandidatin der SPD für die Europawahl.

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Zumindest der neue Fastenredner Maxi Schafroth kennt Barley, auch wenn die SPD bei ihm nur in der Kategorie Mitleid mit "den Schwachen und Kranken" vorkommt. Die Bayern-SPD und ihre Vorsitzende Natascha Kohnen vergisst er fast ganz. Vergangenes Jahr feierte sie als jodelnde Natascha noch Premiere im Singspiel am Nockherberg, dieses Jahr wurde sie nach dem Desaster bei der Landtagswahl gestrichen und durch die Bundesvorsitzende Andrea Nahles ersetzt. SPD-Oberbürgermeister Dieter Reiter hatte zu Beginn schon befürchtet, dass seine Partei gar nicht vorkommt: "Das Schlimmste, was passieren kann."

Wer genannt wird, der ist bedeutend, so lautet die Regel am Nockherberg. Schmerzlich bewusst wurde das wohl einigen Ministern, deren Namen nicht fiel, etwa Georg Eisenreich (Justiz) oder Bernd Sibler (Wissenschaft). Manchem mag das besonders bitter erscheinen, da sogar der Linken-Chef mit einem Seitenhieb geehrt wurde ("lässt sich vom Klassenfeind das Bier zahlen") und im Singspiel einer auftrat, von dem im Freistaat fast keiner mehr spricht: Horst Seehofer.

Seine Karriere in Bayern ist zu Ende, auf dem Nockherberg hat er überlebt, wenn auch als alter Mann im Bademantel, der unsichtbar ist. Sichtbarer ist da Markus Söder als einer, der gerne Landesvater wäre, es aber nur spielt. Am Ende eine Frage an Söders Frau: Ob ihr Mann denn wirklich so ein guter Schauspieler sei? "Selbstverständlich", sagt sie. Entsetzen auf dem Gesicht ihres Mannes, er beugt sich zu ihr, flüstert ihr was ins Ohr, da korrigiert seine Frau: "Selbstverständlich nicht." Sie habe nur nicht gut gehört.

Nach den ersten Minuten der Fastenpredigt wippt Uli Hoeneß vor Lachen. Hinterher sagt der Präsident des FC Bayern: "Das war ganz anders, emotional eine gute Rede, ganz frisch." Die jungen Leute, Schafroth ist 33 Jahre alt, würden viele Dinge anders angehen, sagt Hoeneß. Da bekämen die Etablierten, er meint die Politiker, ordentlich Wind von vorne. Neben Hoeneß sitzt Edmund Stoiber, der ganz ergriffen wirkt. "Ganz neue Pfade, weniger formal aggressiv, stattdessen tiefgründig und neu." Das würde politisch weniger festgelegte Menschen mehr ansprechen. "Ich fand es gut!"

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Drei Tischreihen weiter sitzt Filmemacher Franz Xaver Bogner und sagt: "Sehr schön, sehr frisch. Aufnahmeprüfung bestanden auf Allgäuerisch." Er habe eben nicht seine Herkunft aus dem kleinen Dorf Stephansried im Allgäu umschifft, sondern ist "volle Kanne" draufgegangen. Und auf den Nachklapp Schafroths, bei dem er voller Ernst erklärt, warum bei ihm die AfD nicht vorkam, sagt Bogner: "Gut so, über die AfD kann man eben einfach nichts Lustiges machen."

Regisseur-Kollege David Dietl ist sogar "richtig begeistert". Er ist zum ersten Mal beim Derblecken. "Richtig toll, die Pointen saßen perfekt und trotzdem hatte er immer einen versöhnlichen Grundton." Jeder habe sein Fett abbekommen, aber auf eine Art und Weise, die man verkraften könne. "Und nach dem ernsten Ende hatte man das Gefühl, dass man als Gesellschaft zusammenstehen muss, um wieder was zu bewirken." Dietl habe Zuhörer beobachtet und habe sehen können, dass auch diejenigen lachen mussten, die sich ganz offensichtlich vorgenommen hatten, bei Pointen über bestimmte Parteien nicht zu lachen.

Dieter Reiter schlendert nach der Rede vergnügt durch den Saal. "Wir waren uns am Tisch einig, dass wir schon lange nicht mehr so gelacht haben." Schafroth habe eine ganz andere Art. Kabarettist Christian Springer war hingegen leicht verstimmt, ihm kam das Thema von Söders Aufstieg zum Ministerpräsidenten zu kurz. Vorgängerin Luise Kinseher fand Schafroths Rolle eine "ganz tolle Idee".

Mancher im Saal ist vielleicht auch schlicht zufrieden vor lauter Erleichterung darüber, dass die Premiere des Neuen nicht schiefgegangen ist. Aber auch wenn es davon einige gibt und das Singspiel ebenfalls bejubelt wird, Bogner nennt es "gut wie immer": eindeutiger Applaus- und Sympathie-Sieger des Abends ist der lockige Mann aus dem Allgäu.

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