Nockherberg Die erste Frau auf der Kanzel

Bavaria statt Bruder Barnabas: Luise Kinseher wird als erste Frau auf dem Münchner Nockherberg der Politikergemeinde die Leviten lesen - und unter genauer Beobachtung stehen.

Von Franz Kotteder

Ganz entspannt ist sie am Tag vor diesem Auftritt, ihr Gefühl umschreibt sie mit: "freudige Anspannung". Sie werde noch "ein bisserl üben", damit der Text richtig rüberkomme, aber sie sei gut vorbereitet. Diesmal ist es ja auch kein abendfüllendes Kabarettprogramm, sondern nur ein 40-Minuten-Auftritt vor 560 Gästen.

Bavaria statt Bruder Barnabas: Mit der Kabarettistin Luise Kinseher wird am Mittwoch zum ersten Mal eine Frau der Politprominenz auf dem Münchner Nockherberg die Leviten lesen.

(Foto: dpa)

Etwas Besonderes ist es trotzdem. Sie ist die erste Frau hier, was ihr selbst zwar weniger ausmacht: "Ich wache schließlich nicht jeden Morgen auf und denke mir: Ha, ich bin ja eine Frau!" Aber die anderen, die werden sie genau beobachten in dieser Rolle, die immer wieder über Wochen, ja Monate hinweg eine Menge Aufmerksamkeit auf sich zieht in Bayern: die des Fastenpredigers beim Salvatoranstich auf dem Münchner Nockherberg, wo den Politikern die Leviten gelesen werden.

Zwischen Faschingsdienstag und Ostern liegt in Bayern die Starkbierzeit, und die wird eröffnet mit dem Anstich, der traditionell genutzt wird, um den Politikern eins überzubraten. Die Rede und das nachfolgende Singspiel erreichen bayernweit höchste Einschaltquoten, und im vergangenen Jahr gab es sogar einen regelrechten Eklat, weil der damalige Bußprediger Michael Lerchenberg einen unglücklichen KZ-Vergleich machte, bei dem der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle Grund hatte, beleidigt zu sein und sich fürderhin jede Einladung zum Nockherberg verbat. Daran hält man sich jetzt.

Nun also wird erstmals kein Mönch die Salvatorpredigt halten, sondern eine Frau. Die 42-jährige Kinseher wird als Bavaria auftreten, diese Rolle hatte sie 2010 schon im Singspiel inne, und dafür war sie allseits bejubelt worden. Die allegorische Figur lag ihr, Kinseher ist ja nicht nur Kabarettistin, sondern eine Volksschauspielerin im besten Sinne, die weiß, wie man die andere Seite der Rampe gewinnt.

Das hat die gebürtige Niederbayerin aus Geiselhöring in ihren Münchner Studentenjahren gelernt, da hat sie nebenbei an der Iberl-Bühne in Volksstücken alles Mögliche gespielt, bis zu 240 Aufführungen im Jahr, und das Schauspielhandwerk von Grund auf gelernt. Nebenbei hat sie in einem Wirtshaus mit angeschlossener Kabarettbühne bedient.

Im deutschsprachigen Kabarett ist sie längst eine große Nummer, die halbamtlichen Auszeichnungen vom Scharfrichterbeil bis zum Deutschen Kleinkunstpreis hat sie alle. Ihre Programme beschäftigen sich freilich nur am Rande mit Politik; die großen Themen wie Tod, Glück und Freiheit interessieren sie mehr. Die Nockherberg-Rede sei aber ohnehin nicht so sehr dafür geeignet, politische Missstände scharf zu geißeln: "In erster Linie ist das eine Gaudi."

Da passe die Landesmutter Bavaria sehr gut, die ihre Bälger schon mal an den Löffeln ziehen dürfe, danach aber wieder "die liebende Mama" ist. Nachdem Kinseher ihren Text selbst geschrieben hat, mögen manche Politiker hoffen, an diesem Mittwochabend endlich mal wirklich entspannt in die Kameras zu lachen, und nicht so gezwungen wie sonst. Aber da täuschen sie sich vielleicht, denn Kinseher kann schon austeilen. Und das so subtil und hinterfotzig-niederbayerisch, dass es erst recht wehtut.

Derblecken auf dem Nockherberg

Mama Bavaria und ihre Kinder