Hui, was war da für eine Aufregung, als im April 2023 Benjamin von Stuckrad-Barres Roman „Noch wach?“ erschien, weil: Es geht darin, im Eigentlichen und wenig verklausuliert, um einen ehemaligen Bild-Chefredakteur (Julian Reichelt), der seine Macht missbraucht und junge Kolleginnen (körperlich) ausbeutet, um den Springer-Chef Mathias Döpfner und seinen langjährigen besten Freund, den Autor selbst. Aber da das Ganze ein Schlüsselroman ist, wenn auch mit einem leicht zu knackenden Schloss, spielt sich alles bei einem fiktiven Fernsehsender ab, nicht im Springer-Verlag.
Das tat damals der Aufregung keinen Abbruch, weil alle wussten, wer gemeint ist, und wenn Journalisten über einen Roman schreiben, der Missstände in ihrem Milieu aufzeigt, werden sie halt ganz wuschig. Ein halbes Jahr später inszenierte Christopher Rüping „Noch wach?“ am Hamburger Thalia-Theater, da gab es ein Vampirschloss und entsprechende Bewohner.
Lea Ralfs ist alles Schlüsselromanhafte erfreulich wurscht, sie inszeniert den Roman als „Me Too“-Farce im Zentraltheater, zwar mit einem Benjamin als frauenverstehendem Jäger böser Unholde, aber da diesen Benjamin Berger spielt, könnte mit dem Vornamen auch einfach der Schauspieler gemeint sein. Ralfs braucht für ihre, die erst zweite Inszenierung des Romans überhaupt, Berger und vier aufgekratzte Schauspielerinnen, Isabell Fischer, Anna von Haebler, Yana Robin la Baume und Emma Schall, ein tolles Ensemble, das einem die oft unerträglich albernen Worte des Romans um die Ohren haut. Dieser schreit einen schon bei der Lektüre permanent an, ist weniger Literatur als Selbstdarstellung des Autors.
Bei Ralfs sind die karrieregeilen Frauen nicht viel besser als die machtmissbrauchenden Männer, mit ratternder Sprache wird ein Dorado der Arschgeigen skizziert, die einen nicht kümmern müssen, es sei denn, man sähe darin ein Abbild unserer Gesellschaft. Doch scheint einem der alltägliche Sexismus härter als das Gedöns dieser Figuren, deshalb gießt Ralfs zu Recht ein Hohngelächter darüber aus.
Noch wach? Do., 5. Juni, 1./2. Juli, 20 Uhr, Zentraltheater, Paul-Heyse-Straße 28

