Zwischen WeltenAnnäherung mit Nikolaus

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Emiliia Dieniezhna
Emiliia Dieniezhna Bernd Schifferdecker (Illustration)

Unsere Kolumnistin erklärt, warum das vorweihnachtliche Brauchtum um den Heiligen Bischof von Myrna für ukrainische Geflüchtete auch eine politische Hoffnung birgt.

Von Emiliia Dieniezhna

"Bald kommt St. Nikolaus und legt Geschenke in eure Stiefel. Die stellt man vor die Tür in der Nacht zum 6. Dezember." So habe ich den Kindern den Brauch erklärt, als wir mit meiner Tochter zu Besuch bei ukrainischen Freunden waren. Ich weiß, dass nicht alle meiner Landsleute, die ich kenne, mit Bräuchen und Traditionen hierzulande vertraut sind. Eine gute Gelegenheit also, um den Nikolaus als schönes Beispiel dafür herzunehmen. Ganz überraschend widersprach mir meine Tochter. Sie sagte: "Nein, Mama, der Nikolaus kommt am 19. Dezember, nicht am 6. Und er legt die Geschenke nicht in den Stiefel, sondern unter das Kopfkissen."

Daran habe ich wieder einmal gemerkt, dass Ewa ukrainisches und deutsches Brauchtum manchmal durcheinander bringt, so ähnlich sich die Gepflogenheiten auch sein mögen. Allerdings kam zu ihr der Nikolaus auch, seit sie denken kann, erst am 19. Dezember. Und ja, die Geschenke wurden nicht in Stiefel gesteckt, sondern unters Kopfkissen gelegt. Voriges Jahr ist der Nikolaus erstmals zweimal gekommen: am deutschen und am ukrainischen Nikolaustag. Doch das machen wir nicht noch einmal. Der Nikolaus kommt nur einmal in unsere Familie, und zwar am 6. Dezember, wie überall woanders in Europa auch. Darüber freue ich mich wirklich sehr. Aber das hat neben der vorweihnachtlichen Stimmung noch einen anderen Grund.

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Der Nikolaustag gehört zu einer wichtigen Tradition, die die Ukraine kulturell mit Westeuropa verbindet. Die Figur des Heiligen Nikolaus ist verknüpft mit Werten wie Gerechtigkeit und Solidarität mit Armen und Benachteiligten. All das ist mir, ist uns Ukrainern in diesen Zeiten besonders wichtig, weil mein Land sich vom sowjetischen und russischen kulturellen Kolonialismus befreien will.

Der Nikolaustag wurde und wird in der Sowjetunion und später in Russland gar nicht gefeiert. Grund dafür ist, dass die Sowjetunion von den 1930er-Jahren an eine antireligiöse Kampagne im Volk durchsetzte. Glaubensbekenntnisse wie in der Ukraine, die damals ein Teil der Sowjetunion war, wurden verboten und mit künstlichen Traditionen ersetzt.

So wurde die Figur des Väterchens Frost (Ded Moroz auf Russisch) entwickelt, die keine historischen Wurzeln besitzt. Die Aufgabe dieser Figur lag darin, die Aufmerksamkeit von Repressalien, Hungersnot und bitterer Armut abzulenken. So wollte es die damalige sowjetische Leitfigur Josef Stalin. Väterchen Frost sollte die Illusion eines fröhlichen Lebens vermitteln, doch mit den religiösen Festen in der Ukraine hatte er kaum was zu tun - schon gar nicht mit dem Nikolaustag.

Der Julianische Kalender hat bei vielen Ukrainern ausgedient

Seit dem Beginn der russischen Aggression gegen die Ukraine 2014, die in dem Angriffskrieg vor bald zwei Jahren gipfelte, leben die wahren ukrainischen Traditionen und Bräuche wieder auf, so auch der Nikolaustag. Deswegen kommt zu meiner Tochter der Nikolaus und kein Väterchen Frost. In der Ukraine ist das nun auch kalendarisch manifestiert.

Vor dem Krieg wurden die religiösen Feste in der Ukraine wie in Russland nach dem Julianischen Kalender gefeiert, also 13 Tage später, als die meisten Christen in Europa feiern. Das wurde inzwischen geändert. Seit September dieses Jahres feiert die Mehrheit der Orthodoxen und Katholiken in der Ukraine Feste wie den Nikolaustag und Weihnachten an denselben Tagen wie in Deutschland. Für mich bedeutet diese Angleichung einen weiteren wichtigen Schritt in der Annäherung der ukrainischen und westeuropäischen Kultur.

Einen Brief hat meine Tochter natürlich auch an den Nikolaus geschrieben. Es überrascht nicht, dass sie sich Frieden in der Ukraine und auf der ganzen Welt wünscht.

Emiliia Dieniezhna, 35, flüchtete mit ihrer damals vierjährigen Tochter Ewa aus Kiew nach Pullach bei München. Sie arbeitet ehrenamtlich für die Nicht-Regierungs-Organisation NAKO, deren Ziel es ist, Korruption in der Ukraine zu bekämpfen. Außerdem unterrichtet sie ukrainische Flüchtlingskinder in Deutsch. Für die SZ schreibt sie einmal wöchentlich eine Kolumne über ihren Blick von München aus auf die Ereignisse in ihrer Heimat.

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