Manchmal platzt der Pop aus allen Nähten. Da ist er mehr als eine Band und ihr Publikum. Seit nun 40 Jahren zeigt sich das besonders prall bei der Night of The Proms, in Deutschland seit 30 Jahren. Alles Jahre wieder bucht der Veranstalter Dirk Hohmeyer einen Haufen Individualisten, die scheinbar nicht zusammenpassen. Und unter dem Eindruck dieser 16-Stationen-Klassenfahrt und beflügelt von einem großen Orchester, einem Chor, mordsmäßiger Lichtshow und einem ultra-treuen Publikum, wachsen dann alle als Pop-Familie zusammen und über sich hinaus.
Diesmal sind dabei: Die barfüßige Joss Stone („You Had Me“), die einst mit Amy Winehouse und Duffy den Soul wiederbelebt hat. Sie singt sogar ein alles andere als gewöhnliches Duett („Ordinary“) mit Michael Schulte, einem der wenigen deutschen Hit-Sänger von internationalem Format („You Let Me Walk Alone“). Immer mit an Bord sind auch Helden der Achtziger, also Lieblinge aus der Jugend der Publikumsmehrheit, wie diesmal wieder Midge Ure („Dancing With Tears In My Eyes“). Und dann lässt es einer krachen, der 2024 schon allein die Olympiahalle füllte und es derzeit mit einem neuen Album und seiner alten Band von 1968 wieder wissen will. Zu Ehren der Proms schmeißt sich der Glam-Schocker Alice Cooper aber sogar in einen weißen Frack und macht mit Hits wie „School’s Out“ Stimmung. Und alles ist „Played Alive“, also nicht nur das stadiongroße, andauernd irgendwo in der Welt dengelnde Rhythmuswunder der dänischen Turbo-Trommeler Safri Duo.

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So ein Programm freilich sprengt wieder einen Abend, die „Night of The Proms“ gastiert gleich an drei Tagen nacheinander in der Olympiahalle (12. bis 14. Dezember). Das hat die Klassik-Pop-Show mit Apache 207 gemein. Auch der Mannheimer Rapper füllt mit seinem nicht unbescheidenen Ego, seiner Körpergröße (die Angaben gehen bis „mehr als zwei Meter“, 1,83 Meter dürfte aber stimmen), seinem neuen Leichtgewicht unter den Alben („21 Gramm“ kam nur auf Platz 2) und seinen Hits von „Roller“ bis „Komet“, seiner Rekord-Nummer mit Udo Lindenberg, dreimal den Saal (16., 18. und 19. Dezember, Olympiahalle).

Es gibt aber auch Pop-Stars, die gar nicht erst groß auftrumpfen, sondern in für ihre Verhältnisse minimierten Shows auf die Jahres-Zielgerade schlurfen: Münchens weltbekannteste Band The Notwist zum Beispiel zwängt sich als „Pocketband“ ins schnuckelige Ampere (19. Dezember). Hier machen sich auch die mit den Massen von „Rock im Park“ bis zur „Olympiahalle“ erfahrenen Sportfreunde Stiller bewusst klein vor ihrem großen „30 Jahre“-Jahr und geben ein Kinderkonzert am 21. Dezember um 15 Uhr. Bei ihren „Weihnachtskonzerten“ unter dem Titel „Stiller Tag/Stille Nacht“ sind die drei aber auch noch einmal für Erwachsene zu erleben, tags darauf um 20 Uhr im ebenfalls recht überschaubaren Club Strom.
Auch die Probenraum-Partner der Sportfreunde, die Black Out Problems, die ebenfalls schon die Olympiahalle allein bespielten, spielen mit Ausverkauft-Garantie: Sie mieten sich zur Probe ihrer „Holy“-Zehnjahres-Tour im Live/Evil ein (19. Dezember). Hier im Live-Club des Interims-Kulturzentrum Fat Cat, dessen Tage inzwischen gezählt sind (Ende: September 2026), verabschiedet sich auch eine Institution zum Jahresende: Der Salon „Lost in Music“ hat unter dem Titel des legendären Musik-Buches von Giles Smith 23 Folgen lang Lust auf Literatur und Underground-Pop gemacht.

Zum „Gran Finale“ am 18. Dezember gibt es sieben Lesungen mit einem Autoren-Who-is-Who (Richard Oehmann, Jacqueline Floßmann, Franz Dobler, Knut Cordsen, Eva Mair-Holmes, Achim Bogdahn, Anna Jung) und sieben Konzerte mit den Szene-Lieblingen Philip Bradatsch, Träsh, Angela Aux, Pyramiden von Giesing, Die Libellen, Jason Arigato. Gastgeber und Reihen-Erfinder Don Marco, der sich künftig erst mal mehr um seine neue Stelle im Lektorat des Kunstmanns Verlags kümmern wird, stellt die neue Americana-Single aus dem kommenden Album seiner Band Drug Stop vor, in der es heißt „Heaven is a lot of pain“. Dass Pop aber nicht nur Leid, sondern vor allem auch Lust ist, wird diese übergroße, kuschelig enge Feier der versammelten Pop- und Rock-Koryphäen ein letztes Mal beweisen.

